Adel berichtet (22) : Schlaflos in Schöneberg

Stefan Stuckmann erzählt, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Stefan Stuckmann
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Manchmal verstehe ich den Chef nicht. Ich meine: Das war doch nur ein Vorschlag, dass der Tagesspiegel sich für den Betrieb der S-Bahn bewirbt. Und nur, weil ich die Sache nebenbei schon mal grob durchgerechnet und die Bewerbungsformulare ausgefüllt habe, heißt das doch nicht, dass ich selber von der Idee absolut tausendprozentig überzeugt wäre!

Nein, mir ging es doch vor allem darum, dass hier mal ein bisschen quer gedacht wird, wenn es um neue Leserschichten geht. Und mal unter uns: Wäre das für Sie nicht interessant, wenn man sagen würde: Abonnenten fahren umsonst? Also, natürlich nicht den ganzen Tag. Und auch nur in eine Richtung. Sonst krieg ich die Goldlackierung nicht finanziert. Aber die Grundidee stimmt.

Zurück am Schreibtisch nimmt mein Jungdackel Taxi mich mit vorwurfsvollem Blick in Empfang. Er hatte mich ja gewarnt. Ihn hat der Chef nämlich heute auch schon rundgemacht, weil Taxi wieder mit allen vier Pfoten auf dem Kopierer stand und Abzüge von sich gemacht hat. In Farbe! Dabei wollte er nur schauen, ob er auf dem Bauch noch Sonnenbrand hat.

Dann steckt mir der Volontär, dass der Chef seit Tagen kein Auge mehr zugemacht hat, weil im Baum gegenüber von seiner Wohnung ein Nest vom Eichenprozessionsspinner hängt. Das erklärt alles! Ehrensache, dass ich kaum zwei Stunden später vor dem Schlafzimmer des Chefs die Hebebühne hochfahre und mir die Atemmaske über den weißen Schutzanzug streife. Jetzt den Laubsauger geschultert und den Regler auf Rot gedreht. Sofort erscheint ein alter Mann am Fenster gegenüber. Sind das die abknickenden Flugrouten? Nein, deutsche Wertarbeit! Mit gleichmäßigen Bewegungen entlaube ich Meter für Meter den Weg zum gefährlichen Nest. Eine falsche Bewegung – und der Kiez muss evakuiert werden. Bin ich nervös? Kaum. Das Erklärvideo auf Youtube war aber auch einfach verdammt gut.

Ich bin fast angekommen, als neben mir jemand auf dem Balkon auftaucht. Die Frau vom Chef? Tatsächlich! Schnell gebe ich Taxi ein Zeichen, er soll einen Blumenstrauß besorgen. Und dann heißt es: Hasta la vista, Prozessionsspinner! Noch einmal links, einmal rechts, und ... Hoppla, war das ein Eichhörnchen? Natur kann so unbarmherzig sein.

So, und falls sie in den nächsten Tagen was anderes hören: Als eine halbe Stunde später die Polizei das Wort „Platzverweis“ ausspricht, hab ich wirklich nur aus Versehen rausgefunden, dass der Laubsauger auch blasen kann ...

Hochachtungsvoll,

Ihr

Cedric

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