Adel berichtet (33) : Stärken stärken

Stefan Stuckmann erzählt, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Stefan Stuckmann
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist doch wirklich zum Kotzen als Grundschüler in Berlin. Kaum hat man den kleinen Spongebob-Plastikeimer wieder aus der Hand gelegt, da muss man hören, wie plötzlich über die Wiedereinführung der 6-Tage-Woche diskutiert wird. Dabei ist nach wie vor völlig unklar, ob in China überhaupt soviel zusätzliches Essen weggeworfen werden kann!

Trotzdem kann ich die Aufregung verstehen, denn beim bundesweiten Leistungsvergleich in Deutsch und Mathematik waren die Kleinen wieder mal so schlecht, dass sie sogar hinter der Hundeschule meines Jungdackels Taxi gelandet sind. Ehrensache, dass wir die gestrige Sitzung des Herrchenbeirats dann gleich genutzt haben, um den Berliner Grundschulen mit unserem Knowhow unter die Arme zu greifen. Siggi, unser Vorsitzender, hat mir Folgendes erklärt: Was nützt dir das, hat er mich gefragt, wenn du jahrelang davon träumst, mit Taxi eine A-cappella-Gruppe zu gründen, wenn dessen Talent im Bereich Schlagzeug liegt? Und ganz ehrlich: An den gleichen, irrealen Wunschvorstellungen krankt doch auch die Berliner Bildungspolitik. Statt Jahr für Jahr den Nachwuchs in süddeutschen Paradedisziplinen wie Deutsch oder Mathematik der Demütigung preiszugeben, könnte man doch viel besser mal sagen: „Gut, können wir halt nicht...“, und sich stattdessen endlich auf die Stärken konzentrieren. Was auch immer die sind.

Am Tag drauf überlege ich gerade, ob ich meine Idee für eine Titelseite opfere oder lieber einen Bestseller daraus mache, als mein Taser geliefert wird. Weil die Berliner Polizeigewerkschaft die Anschaffung solcher Elektroschocker verlangt, hatte ich beim Hersteller ein Testexemplar angefordert. Eigentlich wollen wir den Volontär tasern, weil der sich wiederholt bei Taxis Nespresso-Kapseln bedient hat, aber ich verzittere den Schuss und überbacke stattdessen sein Käsebrötchen. Enttäuscht ziehen wir uns auf die Dachterrasse zurück und vertreiben die schlechte Laune mit einem Spiel: Angry Birds 3D! Der Chef ärgert sich ohnehin immer über die ganzen Tauben im Hof, also warten wir, bis sich ein besonders dickes Exemplar auf das Geländer setzt, stellen den Taser auf die stärkste Stufe und...

Na gut, im Nachhinein war das natürlich dumm, mit der anderen Hand das Metallgeländer anzufassen, andererseits haben mich die Kollegen überhaupt nur gefunden, weil Taxi eine Stunde lang auf den Lüftungsschächten den Rhythmus von Help! getrommelt hat – und das halte ich mir schon zugute.

Hochachtungsvoll,

Ihr

Cedric

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