Adel berichtet (36) : Sankt Cedric

Stefan Stuckmann erzählt, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Stefan Stuckmann
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Manchmal verstehe ich den Chef nicht: Ich gebe ja zu, dass die meisten der 600 Probeabos, die ich an die zwanzig vorm Brandenburger Tor campierenden Asylbewerber vermittelt habe, eher nicht verlängert werden, aber hier geht es doch auch einfach um Solidarität: Wenn ihnen Schlafsäcke und Isomatten sowieso von der Polizei weggenommen werden, dann können wir doch lieber hier beim Tagesspiegel ein paar Euro in die Hand nehmen, als dass die nachher da unter der „Morgenpost“ rumliegen. Oder – noch schlimmer – unter einem iPad!

Blöd aber natürlich, dass wir die tausend Luftballons für unsere Aktion „Tagesspiegel wärmt“ jetzt ganz umsonst bestellt haben. Oder gibt der Titel noch was anderes her? „Taxi“, rufe ich, „Brainstorming!“. Acht Espressi später haben sich zwei Top- Ideen herauskristallisiert: Entweder wir liefern einen Monat lang jede Zeitung zusammen mit einem Glas Glühwein aus – oder wir entwickeln eine alternative Kompaktausgabe, die wir auf einen Wärmflaschenüberzug gedruckt an U-Bahnhöfen verkaufen. Wir rechnen beide Varianten kurz durch und entscheiden uns dafür, doch einfach nur bei Berliner Prominenten um Kleiderspenden für Obdachlose zu bitten.

Kaum habe ich das Adressbuch vom Chef zum dritten Mal mit verstellter Stimme durchtelefoniert, trudeln die Spenden schon säckeweise ein. Eine Stunde später stehe ich am Hintereingang vom BER und werfe gemeinsam mit Geschäftsführer Rainer Schwarz die 5000 T-Shirts mit dem Aufdruck „Hurra 2012, der BER ist da!“ auf den Pritschenlader – alle noch originalverpackt! Dann geht’s weiter zu Innensenator Frank Henkel, der großzügig 800 Aktenordner randvoll mit leicht entflammbaren Verfassungsschutznotizen spendet. Unsere dritte Station wäre Bushido gewesen, der telefonisch ein Paar heiße Ohren zugesagt hatte – aber dann ist leider doch nur sein Kampfhund zu Hause. Taxi schreibt ihm ein Autogramm, dann fahren wir zurück nach Mitte, um mit der Verteilung zu beginnen. Großzügig werfe ich T-Shirts in die Menge – doch niemand hebt eins auf. Als wir fünf Stunden später noch immer kein einziges Kleidungsstück losgeworden sind, fahren wir enttäuscht zurück in die Redaktion.

Na ja, wie sich im Nachhinein rausstellt, bin ich wohl einer Verwechslung aufgesessen. Ich habe mich den ganzen Sommer schon gewundert, warum die Obdachlosen in Mitte jetzt alle Rennrad fahren. Jetzt sagt mir der Volontär, das seien Hipster ...

Hochachtungsvoll,

Ihr

Cedric

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