Adel berichtet (41) : Du bist mein Hauptgewinn

Stefan Stuckmann erzählt, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Stefan Stuckmann
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Seitdem die Redaktion der „Morgenpost“ wegen des Verdachts auf Beamtenbestechung durchsucht wurde, habe ich kaum ein Auge zugemacht. Weil ich ja gerade selbst erst einer Polizistin 500 Euro zugesteckt habe! Mein guter Freund Ludwig von den Rotariern hat Junggesellenabschied gefeiert, und als die Beamtin da plötzlich in der Tür steht, denke ich halt, das sei die Stripperin, die mein Jungdackel Taxi und ich im Internet gebucht haben. Doch statt die Sache als Kompliment zu sehen und gemeinsam mit uns den Subwoofer einzupegeln, versilbert die Gute mir die Handgelenke. „Mein iPhone, Kurzwahl 5!“, rufe ich noch, als sie mich über den Hof schleift. „Da geht der Henkel dran!“. Ohne Erfolg. Gott sei Dank hat Taxi die Idee, mit der Mülltonne im Innenhof zwei Pistolenschüsse zu simulieren. Als er mit Ketchup beschmiert aus der Haustür taumelt und Richtung Fahrradunterstand zeigt, rennt die Polizistin zum vermeintlichen Tatort – und Taxi und ich in die entgegengesetzte Richtung davon.

Auf dem Nachhauseweg sind wir dann noch mal über den Weihnachtsmarkt, weil wir eine Kleinigkeit für den Chef besorgen wollten, um uns dafür zu entschuldigen, dass Glühwein und Magensäure aus Wildleder wirklich kaum rauszukriegen sind. „Du bist mein Hauptgewinn“ stand auf dem Lebkuchenherz – eigentlich – aber anscheinend hätte ich das Backwerk doch lieber selbst nach Hause getragen. „Du H up e“ ist jetzt noch zu lesen, in der Mitte der Abdruck eines Autoreifens, oben rechts fehlt ein großes, ovales Stück. Ich schaue Taxi an, aber der schüttelt nur den Kopf.

Na gut, also flugs die Schere genommen und das Herz noch mal sauber klein geschnitten. Taxi ist dann noch so nett und knabbert geduldig die Schrift herunter, damit ich mit Tipp-Ex die neue Widmung anbringen kann. Ich bin erst halb fertig, als plötzlich der Volontär hereinkommt und mir erklärt, dass ich mir meinen Schreibtisch ab nächster Woche mit der Schülerpraktikantin teilen muss. Die neuen Bevölkerungsprognosen sagen ja voraus, dass Berlin bis 2030 um 250 000 Menschen wächst und wir deshalb alle näher zusammenrücken müssen. Ich solle mich nicht beschweren, sagt er, in den Schulen sähe es bald viel schlimmer aus. Da sieht man mal wieder, was die Asiaten uns voraus haben: Während der Senat es seit Jahren nicht schafft, sein Schulsystem auf den rasanten Kinderzuwachs vorzubereiten, kann sich die Bubble-Tea-Industrie entspannt zurücklehnen ...

Hochachtungsvoll,

Ihr

Cedric

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