Adel berichtet (9) : Sicher ist sicher

Stefan Stuckmann erzählt, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Stefan Stuckmann

Einer alten Familientradition folgend habe ich 21 Vornamen, und als guter Journalist ist „Unabhängigkeit“ der zweite von ihnen. Den Vorschlag meines Chefs, vom Taxi-Streik zu berichten, musste ich deshalb entschieden ablehnen. Zu eng sind meine Verbindungen zur Branche: Man kennt sich, man schätzt sich, und es ist kein Zufall, dass ich den Jungdackel, den ich letzte Woche aus den prekären Armen eines Obdachlosen gerettet habe, Taxi getauft habe. Ach, Taxi. Ein tolles Tier. Und so stolz: Außer mir gehorcht Taxi nur Kollegen, die mindestens Ressortleiter sind.

Ich stehe gerade an der Espressomaschine, um Taxi seine Milch aufzuschäumen, als sich zwei Volontäre über die rapide zunehmende Zahl der Einbrüche in Berlin unterhalten. Da ist es doch, mein Alternativthema! „Taxi!“, rufe ich, und schon flitzt er mir über den Flur entgegen. Am Halsband trägt er schon den kleinen Journalistenausweis, den ihm die Mädels aus der Grafik gebastelt haben.

Eine Kollegin hat erst letzte Woche über ihr einsames Dasein in einem Altbau geschrieben, der sonst nur aus Zweitwohnungen finanzkräftiger Exil-Berliner besteht. Ein ideales Ziel für Einbrecher! Ich schicke den Artikel an meinen persönlichen Assistenten Fatih, der sich beim Völkerball im Sportunterricht der 7b sofort abmeldet, um die Info in den richtigen Neuköllner Kreisen zu platzieren. Das wird die Insider-Reportage! Über ein auf Kipp gestelltes Fenster verschaffen Taxi und ich uns Zugang zu einer Loftwohnung in besagtem Altbau. Bulthaup-Küche, Bang&Olufsen-Fernseher, Klobürste mit Teakholzgriff: Hier wurde an nichts gespart, nur an der Sicherheit. Taxi und ich verstecken uns hinter dem Designersofa und warten auf die Exklusivgeschichte. Währenddessen zeige ich Taxi auf meinem iPhone Fotos von Einbrechern, sofort schnappt er nach dem Handy. Kluger Hund.

Das Nächste, an das mich erinnere, ist kaltes Metall an meinen Handgelenken.

Das kommt davon, wenn man seinen Mittagsespresso dem Herausgeber schenkt: Ich bin eingenickt! Und habe am Fenster irgendeinen Sensor übersehen. Ohne Diskussion werde ich in den Streifenwagen gezerrt. Ein Skandal: Man wird behandelt wie ein Krimineller! Na gut, mein Vergleich mit Anne Frank war vielleicht auch etwas überzogen. Jetzt soll ich beweisen, dass ich nicht die teure Goldkette geklaut habe, die vermisst wird. Noch dazu hat Taxi unglaubliche Bauchschmerzen. Gerade jetzt, wo ich einen Freund bräuchte ...

Hochachtungsvoll,

Ihr

Cedric

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