ADEL berichtet FOLGE  51 : Paris, je te frack

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Ich kann ja verstehen, dass der Chef Wert legt auf Pünktlichkeit, aber ich bin wirklich nur deshalb zu spät zur Redaktionskonferenz gekommen, weil mir im Berlinale-Palast der Goldene Bär auf den Fuß gefallen ist. Und wenn ich nicht so laut geschrien hätte, wäre das dem Kosslick auch gar nicht aufgefallen.

Um den Chef milde zu stimmen, biete ich an, meinen Berlinale-Favoriten vorzustellen: „Promised Land“ mit Matt Damon – eine feinfühlige Geschichte über naive Ökoterroristen, die im Angesicht des landwirtschaftlichen Niedergangs die rettende Hand der Gasindustrie ausschlagen, im zweiten Akt nach Paris übersiedeln und einen von Hugh Jackman angeführten Aufstand gegen das Bürgertum verlieren, während unter ihnen dank Fracking-Technologie so unauffällig nach Erdgas gebohrt wird, dass niemand in Paris sich davon das Singen verderben lässt.

Doch bei der Blattkritik am nächsten Tag merke ich, dass sie immer noch da ist: die gläserne Decke, an die unbequeme Talente im Journalismus nach wie vor stoßen. Meiner Meinung nach tut es ja gar nichts zur Sache, dass ich im Kino während „Promised Land“ eingeschlafen und erst bei der Vorstellung von „Les Misérables“ wieder aufgewacht bin. Eine Mashuprezension ist doch total Journalism 2.0. Aber der Chef lässt meine Begründung – „Junge Leute wie Taxi und ich rezipieren Medien halt anders“ – einfach nicht gelten und nennt uns „verschnarchtes Studentenpack“. Da braucht sich hier im Haus dann auch echt keiner wundern, wenn der Nachwuchs sein Geld lieber für Drogen als für Zeitungen ausgibt.

Um wieder bessere Laune zu bekommen, fahren Taxi und ich anschließend zum Potsdamer Platz, um mögliche Finanziers für unser BER-Drehbuch zu treffen. Nach mehreren Rückschlägen ist uns bewusst geworden, dass mein Stil für amerikanische Produktionen zu unbequem ist. Zusammen mit Taxis Schlagzeuglehrer haben wir deshalb das Skript zum Musical umgearbeitet und in indischen Restaurants vor den Herrentoiletten ausgelegt. Statt der erwarteten Bollywood-Produzenten hat sich zwar nur ein koreanischer Filmemacher gemeldet, doch immerhin: Im Burger-King-Filmmagazin habe ich neulich gelesen, dass Korea unter Cineasten als extrem innovativ gilt. Nun weiß ich zwar nicht, ob da von Nord- oder Südkorea die Rede war, aber hey: Das spielt für die Geschichte genau so wenig eine Rolle wie die Frage, ob jetzt Matthias Platzeck Kim heißt und Wowereit Amerikaner ist.

Hochachtungsvoll,

Ihr

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