ADEL berichtet FOLGE  53 : Drag Race

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Ich wusste es ja gleich, als ich Montagmittag in meinem Döner ein Hufeisen gefunden habe: Mein zweites Jahr hier beim Tagesspiegel wird mein Glücksjahr! Und tatsächlich: Kaum eine Stunde später teilt mir der Chef ein absolutes Hammerthema zu. Einer neuen Studie des Radfahrerclubs ADFC zufolge ist jedes zweite Todesopfer unter Berliner Radfahrern über 50 und bei Unfällen mit rechtsabbiegenden Autos in zwei Dritteln der Fälle eine Frau. Zusammengerechnet sind also 133 Prozent der Todesopfer Frauen über 50 – eine unglaubliche Zahl, die den Weg meiner weiteren Recherchen vorgibt.

Während Taxi in das Lenkerkörbchen klettert und sich mit der Hupe in Entenform vertraut macht, ziehe ich ein letztes Mal den Faltenrock zurecht und steige in die hochhackigen Schuhe. Endlich in Position, puste ich mir eine Strähne der weißhaarigen Perücke aus dem Gesicht und greife zitternd zum Lenker, als Taxi auf seine Ente drückt. Stimmt, jetzt hätte ich beinahe den Eierlikör vergessen!

Drei Gläschen und zehn Minuten später folgt die erste Krisensituation: Mit annähernd acht Kilometern pro Stunde rasen wir auf den Potsdamer Platz zu, als Taxi erneut seine Ente bedient. „Heute:“, steht auf der großen Tafel an einem Coffeeshop, „Käsekuchen 50%!“

Sofort rutsche ich nach vorne vom Sattel und bremse mit ausgestreckten Beinen. Die acht Stücke Kuchen, die ich kaufe, verpacke ich in einer Plastiktüte, die ich sicher am linken Lenkergriff aufhänge. Schnell noch einen Eierlikör, und schon geht’s weiter: Am Holocaust-Mahnmal werde ich von spanischen Touristen abgedrängt und kann mich gerade noch zwischen die Stelen retten, als plötzlich mein Bremszug reißt. Taxi schaut mich mit aufgerissenen Augen an, während die Schatten der Betonquader immer schneller vorbeizischen. „133 Prozent!“, schreie ich verzweifelt, während Taxi wieder und wieder auf die Ente drückt.

„Ja“, rufe ich, „ja!“, während ein Tourist nach dem anderen zur Seite springt, und merke zu spät, wie mir die Tüte vom Käsekuchen ins Vorderrad gerät. Mit lautem Pfatatatata kommen wir zum Stehen. Von Todesangst entkräftet, wische ich mir langsam den Käsekuchen aus dem Gesicht und leere die Flasche mit dem Eierlikör. Danach schleppe ich mich auf Taxi gestützt zur nächsten Filiale von Hertz, miete uns einen SUV und fahre, so schnell es geht, nach Hause. Die Perücke und den Faltenrock werfe ich während der Fahrt aus dem Fenster – sicherheitshalber, damit nicht noch mehr passiert.

Hochachtungsvoll,

Ihr

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