ADEL berichtet FOLGE  54 : Kein Nachtisch im Todesstreifen

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Ich habe meine Reservierung für das Luxusappartement an der East Side Gallery ja schon im letzten Jahr storniert – und zwar nicht nur deshalb, weil die Summe im Praktikantenvertrag doch nicht mein Tagessatz war, sondern nur das Datum. In erster Linie ging es mir darum, ein Zeichen zu setzen: Schließlich wäre es einfach nicht angemessen, jeden Morgen meinen Soja-Karamell-Macchiato mit Zimthaube genau da zu genießen, wo Menschen aus Sehnsucht nach genau solchen Errungenschaften ihr Leben lassen mussten. Und mal unter uns wertbewussten Bildungsbürgern: Es gibt einfach Orte, da muss man grundsätzlich vorsichtig sein mit Immobilien – Todesstreifen, Brandenburg oder Indianerfriedhöfe.

Wobei ich zugeben muss, dass ich in der Hinsicht schon etwas altmodisch bin: Wenn ich und mein Jungdackel Taxi uns in einem der zwei Beachclubs gleich hinter der East Side Gallery von unserem harten Reporteralltag erholen, dann bestelle ich die zwei Sex on the Beach zum Beispiel grundsätzlich ohne Wunderkerzen.

Selbstverständlich, dass auch die Betreiber sich der Verantwortung bewusst sind: Von jedem Cocktail, der im ehemaligen Todesstreifen verkauft wird, werden acht Euro zur Förderung antisozialistischer Wirtschaftsprojekte verwendet, sagen sie mir. Frauen dürfen außerdem im gesamten Club Bikini tragen und werden nicht – wie früher in der DDR – gezwungen, den Strand nackt zu betreten. Ehrensache also, dass Taxi und ich unsere Aufnahmeformulare für den Berliner Verein Clubcommission ausgefüllt haben, um gemeinsam mit unseren zwei Strandbars für einen Erhalt des würdevollen Status Quo zu kämpfen und... Moment, jetzt kommt Taxi gerade ins Büro. Was? Unsere Skimasken sind angekommen?

Aufgeregt helfe ich Taxi mit der Schere in seine Maske – er braucht ja noch zusätzliche Löcher für Beine und Schwanz – dann geht es zum Potsdamer Platz. Die Magnetkarten, die mir die Frau am Eingang zum Vapiano entgegenhält, schlage ich ihr wütend aus der Hand. Stattdessen schaue ich zu Taxi, der auf dem langen Tisch rechts an der Fensterfront mit erhobener Pfote in Protestposition geht.

Als ich wenig später von vier Köchen umstellt werde, zähle ich zwischen den Scherben um mich herum 13 Tiramisu, sechs Crème Caramel und fünf Portionen Milchreis. Bevor sich der groß ausgerollte Pizzateig auf mich senkt, hebe ich ein letztes Mal die Faust. „Kein Nachtisch im Todesstreifen!“, rufe ich noch einmal. Dann wird es dunkel.

Hochachtungsvoll,

Ihr

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