ADEL berichtet FOLGE  62 : Medeas #aufschrei

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

„Zum letzten Mal!“, rufe ich dem Volontär in der Konferenz entgegen. „Das ist kein Schlafanzug, sondern eine original Star-Trek-Kapitänsuniform.“ Wütend drehe ich mich um zu meinem Jungdackel Taxi, der drohend die Pfote hebt. Die spitzen Vulkanier-Ohren stehen ihm richtig gut. „Kadett Taxi“, sage ich, „Feuer!“ Taxi nickt, drückt auf das Display seines iPads, und sofort wechseln bei uns zu Hause die Wohnzimmerlampen in die Lichtstimmung „Damenbesuch“.

Doch es hilft alles nichts: Weil der Volo sich weigert, seine Karten für die Premiere vom neuen Star-Trek-Film abzugeben und der Chef uns auch Stunden später noch nicht zutraut, den wahrscheinlich besten Film des Jahrzehnts mit ausgewogener Berichterstattung zu begleiten, werden wir stattdessen zum Theatertreffen geschickt, das dieses Jahr seinen 50. Geburtstag feiert. Taxi schläft kurz ein, als ich ihm die Neuigkeit verkünde.

„Nichts da!“, rufe ich, springe auf den Tisch und hebe die Hand. „Sein oder nicht...“, setze ich an, als plötzlich der Chef in der Tür erscheint. „Und so“, sage ich zu Taxi, während ich vorsichtig vom Tisch steige, „repariert man eine Leuchtstoffröhre nur mit Kaugummi, zwei Büroklammern und einem 100-Euro-Schein.“

Doch als wir eine Stunde später im Haus der Berliner Festspiele Platz nehmen, habe ich längst eine neue Strategie entwickelt, um Taxi und andere Jugendliche für große Theaterkunst zu begeistern: Die Medea von Euripides in der Inszenierung vom Schauspiel Frankfurt, live getwittert – eine Weltpremiere!

Vorhang auf, Auftritt Medea. „Bitch-Alarm in Korinth: @Iason hat ’ne Jüngere! #aufschrei“, tippe ich in mein iPhone. Sofort entbrennt eine intensive Debatte: „vielleicht ist die alte fett geworden? #keinevorverurteilungen #scheißweiber“, twittert SwagMaster93. Ein Theaterfan mehr in Berlin!

Gleich setze ich nach: „Bamm! Medea zu Iason: Jahrelang vom Goldenen Vlies quatschen, aber nicht einmal die Küche wischen! #daläuftschonlangnixmehr.“

Als wir in der Pause bemerken, dass unser Hashtag #KorinthRausAusDemEuro es in die Top Ten geschafft hat, feiern Taxi und ich unseren Erfolg mit einem kleinen Zwischenstopp an der Bar.

Na gut, wahrscheinlich wäre es besser gewesen, wenn jeder nur eine Flasche Champagner getrunken hätte. Ich hab’ einfach das Gefühl, dass wir hinten raus ein wenig nachgelassen haben: „WTF? Kreon und Tochter jetzt beide tot? #nichtbeiwichtigenstellenaufsklogehen.“

Hochachtungsvoll,

Ihr

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