ADEL berichtet FOLGE  68 : Operation Blechzäpfchen

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

„Ich kann meine Nase nicht mehr spüren“, sage ich zu meinem Jungdackel Taxi, der sich benommen den Helm vom Kopf zieht, „Bei dir noch alles dran?“ Taxi hustet eine kleine Wolke aus Sand in die warme Nachtluft, dann nickt er.

Nur wenige Minuten zuvor haben wir uns als Glöckner verkleidet Zugang zur Kuppel des Doms verschafft, von wo wir mithilfe eines handelsüblichen Enterhakens ein Seil an einem der Kräne in der Baugrube des Stadtschlosses befestigt haben. Gut, nun ist nach wie vor umstritten, ob ich im Baumarkt an der Seiltheke zu großzügig eingekauft habe oder Taxi einfach nur bei der Planung die Hypotenuse eine Pfotenbreite zu schmal gesetzt hat. Auf jeden Fall sind wir nicht in geschmeidiger Bewegung über die Massivholzwand hinweggeschwungen, sondern mit spitzem Schrei zunächst frontal dagegen und dann mit Teilen von ihr in die Baugrube. Egal. Hauptsache drin.

„Okay!“, sage ich, während ich mit der einen Hand über den am Mittwoch frisch gelegten Schlossgrundstein streiche und die andere zu Taxi strecke, „Taschenlampe, Schutzbrille, Müsliriegel!“ Unser Ziel: die tief im Stein versenkte Zeitkapsel aus Kupfer, die unter anderem eine Zeitung vom Tag der Grundsteinlegung enthält, aber aus völlig unverständlichen Gründen keine „Mehr Berlin“-Beilage.

Kaum habe ich den Müsliriegel verspeist, spüre ich, wie die fünf essenziellen Frühstückscerealien meine Blutbahn durchströmen. Ich atme tief durch, greife den runden Stöpsel aus Sandstein und ziehe. Ein sanftes Knacken, dann gibt er nach. Nein, doch nur mein Fingernagel.

Während Taxi mir meine ergonomische Nackenrolle ins Gesicht drückt, damit mein Schrei nicht noch mehr Aufmerksamkeit weckt, lege ich mir einen Alternativplan zurecht. „Schnell!“, sage ich schließlich, „der Damenrasierer!“ Mit den Saugnäpfen der Duschkabinenhalterung gelingt es, zuerst den Stöpsel zu entfernen und dann die Zeitkapsel zu öffnen. Während Taxi Ausschau nach Wachmännern hält, ergänze ich blitzschnell die Füllung der Kupferkapsel. Die „Mehr Berlin“-Seiten und die DVD mit allen 8000 Fotos von Mahlzeiten, die wir im letzten Jahr bei Instagram hochgeladen haben, passen locker rein, nur beim Trikot vom FC Bayern muss ich ein bisschen drücken.

Als wir 20 Minuten später im Adlon an der Bar sitzen, sind wir schweißgebadet, aber glücklich. „Champagner!“, rufe ich und greife in meinen leeren Rucksack. „Sag mal“, frage ich Taxi, „hast du mein Portemonnaie gesehen?“

Hochachtungsvoll,

Ihr

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