ADEL berichtet FOLGE  69 : Der alte Inkontinent

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Als am Dienstagabend noch immer keine Einladung für Barack Obamas Rede am Brandenburger Tor in unserem Briefkasten liegt, holen mein Jungdackel Taxi und ich sofort die US-Flagge vom Dach. Ich wische mir gerade die blaue-weiße Schminke aus dem Gesicht, als doch noch mein Handy klingelt: Unterdrückte Nummer – eindeutig der Secret Service!

Und tatsächlich: Mit breitem Akzent erläutert mir Special Agent Victor Olontair – möglicherweise ein Deckname –, dass Barack Obama Taxi und mich persönlich ausgewählt hat, um eine der wichtigsten Aufgaben bei seinem Staatsbesuch zu übernehmen: das Hundeprogramm. Was in der bisherigen Berichterstattung aus Sicherheitsgründen nicht erwähnt wurde: Die Familie Obama war keineswegs alleine in Berlin, sondern zusammen mit ihrem treuen Familienhund Bo.

„Schnell, die Trompete!“, sage ich zu Taxi, als wenig später im Tiergarten die Übergabe stattfindet. Ich bin kaum durch mit der Titelmelodie von „Lassie“, als es im Gebüsch vor uns raschelt. Dann steht er vor uns: Bo Obama. Etwas kleiner als vermutet, und auch die Haare sprungkraftmäßig nicht wie erwartet, aber gut, ich lade ja auch nur meine guten Fotos bei Facebook hoch.

„Denk dran“, flüstere ich, als Bo nicht viel später unseren Ferrero-Raffaello-Vorrat auffrisst und Taxi verzweifelt auf den immer größer werdenden Berg weißer Plastikfolie zeigt, „wir haben nicht den Hund Bo zu Gast, sondern die Vereinigten Staaten von Amerika!“ Taxi erinnert mich später an diese Worte, als wir von unseren Isomatten auf der Dachterrasse aus beobachten, wie Bo den Bezug von unserem Ledersofa auffrisst und mein Sky-Abo um drei Erotik-Pakete ergänzt. Der diplomatische Code verbietet es natürlich, hier ohne tiefergehende Kenntnis der fremden Kultur den Richter zu spielen.

Welche historische Dimension dieser Besuch hat, erfahren Taxi und ich dafür hautnah am nächsten Morgen, als wir mit Bo die East Side Gallery entlangschlendern. Taxi hat sein Kurzreferat über Kunst als Wegbereiter moderner Immobilienwirtschaft kaum beendet, als Bo spontan seinen Venti Caramel Frappuccino abstellt, tief beeindruckt sein Bein hebt und die Ostbegrenzung des ehemaligen Todesstreifens als Teil der freien Welt markiert. Ehrfurchtsvoll hebe ich Taxi auf meine Arme. „Das“, flüstere ich ihm ins Ohr, „ist der wichtigste Moment meines Lebens. Wie will man das jemals toppen?“

Bo schaut mich herausfordernd an, als Taxi mir reflexartig die Nase zuhält ...

Hochachtungsvoll,

Ihr

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