ADEL berichtet FOLGE  71 : Graf Zahl

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

„Auf die Plätze, Nase, los!“ sage ich zu meinem Jungdackel Taxi, und sofort verschwindet er im Hof des Friedrichshainer Altbaus, den wir zufällig ausgesucht haben, indem wir zwei jungen Studentinnen aus der Bademodenabteilung einer H&M-Filiale nach Hause gefolgt sind. Sie sind unglaublich wichtig, diese Momente der Willkür, denn nur so erreichen Taxi und ich jene stochastische Glaubwürdigkeit, die unbedingt nötig ist, wenn wir dem Senat bei seinem jetzt erfolgten Widerspruch gegen die Ergebnisse der Volkszählung helfen wollen. Das einzige Problem, das auch wir mit den angeblich 180 000 verschwundenen Berlinern haben: Niemand weiß, wie sie aussehen.

„Okay“, sage ich, als Taxi hechelnd die Treppe hinabgesprungen kommt und 98 Mal mit der Pfote auf die Fliese tippt, „98 Bewohner. Blonde Frauen unter 30 dabei?“ Taxi schaut mich an. „Nur aus statistischen Gründen“, sage ich.

Aus langjähriger Erfahrung bei der Wahl zum schönsten Kulmbacher Pferde- Aquarell weiß ich, dass immer die Hochrechnungen am genauesten sind, die mehrere statistische Modelle miteinander vereinen – völlig unabhängig davon, ob Mutter mein Bild am schönsten findet. Taxi und ich haben uns deshalb dazu entschieden, zusätzlich zu seiner Nasenstatistik noch ein zweites Rechenmodell zu entwickeln. „Guten Tag, Volkszählungskontrolle!“, sage ich höflich zu der jungen Mutter im dritten Stock und gehe gleich weiter ins Wohnzimmer, um eine vertrauliche Atmosphäre zu schaffen. „Wie zufrieden sind Sie, auf einer Skala von eins bis zehn“, frage ich schließlich, nachdem Taxi mir noch schnell eine Apfelschorle aus der Küche geholt hat, „mit ihren Beinen?“

Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat kürzlich nach Auftrag des Debattenmagazins Brigitte herausgefunden, dass jede dritte Frau in Deutschland mit ihren Beinen unzufrieden ist. Taxi und ich müssen also nur alle Antworten unter fünf sowie alle Ohrfeigen und Nötigungsklagen in einer Straße zusammenzählen, mit drei multiplizieren und diese Zahl mit den beim Zensus ermittelten Daten vergleichen. Vorläufiges Endergebnis: Unseren Hochrechnungen zufolge leben in Berlin nicht 180 000 Menschen weniger, sondern mindestens 1,8 Millionen mehr. Und das sind bisher nur die Frauen. An einem für die Männer verlässlichen Modell arbeiten wir noch, eine Karteileiche konnten wir allerdings schon bestätigen: In den 60ern hat ein gewisser Herr Kennedy behauptet, er sei Berliner, konnte aber bis heute keinen gültigen Mietvertrag vorlegen.

Hochachtungsvoll,

Ihr

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