ADEL berichtet FOLGE  77 : Der Dackel trägt Hertha

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

Ich komme gerade vom Mittagsyoga zurück und setze mir im Hof der Redaktion die Sonnenbrille auf, als ich einen brennenden Schmerz in meinen Augen spüre. „Aua! Ahhh! Tu das weg!“, rufe ich und stütze mich auf meinen Jungdackel Taxi, bevor ich mir mit letzter Kraft die Brille vom Kopf reiße. An der Innenseite der Gläser festgeklebt: die aktuelle Bundesliga-Tabelle, mit Hertha als Tabellenführer, drei Plätze vor den Bayern. Taxi kichert.

„Jetzt reicht’s, Freundchen!“, rufe ich und greife entschlossen in meine Jacketttasche. „Ich wollte dich ja überraschen mit den Karten für das Elton-John-Konzert, aber das kannst du jetzt vergess...“ Irritiert schaue ich auf die Autogrammkarte von Jos Luhukay in meiner Hand. Taxi liegt inzwischen auf dem Rücken und jault vergnüglich.

Wütend renne ich zurück in die Redaktion und schließe mich auf der Herrentoilette ein. Was zu viel ist, ist zu viel: Drei Mal bin ich diese Woche schon im Hertha-Schlafanzug aufgewacht – und das, obwohl ich mich ganz normal mit T-Shirt und Krawatte schlafen gelegt habe. Urplötzlich an meinem Kickboard festgeschweißt: eine Hertha-Fahne. Und das Foto von meiner Mutter auf dem Nachttisch? Überklebt mit dem Gesicht von Michael Preetz! Erschöpft stütze ich den Kopf in meine Hände. Seit Tagen habe ich kaum gegessen. „Einatmen...“, flüstere ich, „Ausatmen...“. Während sich mein Puls wieder senkt, höre ich ein Geräusch an der Tür. Reflexhaft ziehe ich die Füße nach oben. Mehrere Sekunden lang ist es still, dann schiebt jemand eine Brezel unter der Klotür durch.

„Und darauf soll ich reinfallen?“, rufe ich empört. „Schleich dich, du blau-weiße Sau!“ Es dauert einen Moment, dann rutscht die Fernbedienung für unseren Sky-Decoder über die Fliesen. „Na gut“, sage ich und schnappe mir die Brezel, „Emschuldigum amgemommem!“

Nachdem wir uns wieder vertragen haben, helfe ich Taxi, sich auf die Lange Nacht der Religionen vorzubereiten, die heute zum zweiten Mal in Berlin stattfindet. „Also“, fasse ich unsere Wikipedia-Recherche zusammen, „am Christentum stört dich, dass Hunde nicht heilig gesprochen werden, und Altägyptisch findest du diskriminierend, weil der einzige Gott mit Hundekopf nur die Toten hin und her fährt. Hindumäßig dagegen wirst du vielleicht als Chefredakteur wiedergeboren. Das klappt aber nur, wenn du keine Bayern-Witze mehr machst.“ Ich schaue zu Taxi, der nachdenklich den Kopf wiegt. „Wie gesagt, oder gleich Satanismus.“

Hochachtungsvoll,

Ihr

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