ADEL berichtet FOLGE  78 : Substanz im August

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

„Was soll das heißen, ausgetanzt?“, frage ich den Chef, der plötzlich neben meinem Ghettoblaster im Konferenzraum steht und die CD „Tango Passion Teil 3“ zerbricht. „Aber wir haben doch die Promenade noch gar nicht geübt!“

Kann ja sein, dass die Redaktionskonferenz einen Hauch wichtiger ist als meine Teilnahme an der Tango Experience, die noch bis diesen Sonntag unter anderem im Café Moskau stattfindet. Aber für solche Haarspaltereien haben mein Jungdackel Taxi und ich jetzt wirklich keine Zeit.

„Was ich von euch will“, rufe ich wenig später den zwölf Grundschülern zu, die ich wegen des andauernden Lehrerstreiks in meine frisch gegründete „Tagesspiegel Young Talents and Tango Academy“ aufgenommen habe und jetzt stundenweise auf eine Karriere als investigative Tanzjournalisten vorbereite, „ist absolute, bedingungslose Leidenschaft! Erste Tango-Regel: Wenn ihr auf der Tanzfläche seid, gibt es keine Regeln!“

Mit wohlwollendem Nicken quittiere ich, wie Nils-Patrick sich eifrig Notizen auf seinem iPhone macht, lasse mir von zweien seiner Mitschüler eine Räuberleiter machen und steige auf den Schreibtisch in meinem Großraumbüro, das kurzerhand zum Ersatztanzraum umfunktioniert wurde. „Zweite Tango-Regel“, rufe ich und gebe Taxi am Keyboard das Signal, „ihr seid immer auf der Tanzfläche!“

Später fahren wir gemeinsam zum Tierpark, um die Inzuchtgerüchte um den neuen Jung-Eisbären und seine angebliche Schwester Tonja zu prüfen. Weil das menschliche Auge in solchen Fragen nicht ausreicht, macht Taxi zwei Fotos der Eisbären, lädt sie bei Facebook hoch und startet die Gesichtserkennung. Das schockierende Ergebnis: Zu 99,9 Prozent handelt es sich um ein und denselben Eisbären, der sich mit gefälschter Identität die doppelte Portion Pinguine erschleicht.

Falls Sie mir und Taxi am Wochenende übrigens auf einer Tanzfläche begegnen, würde ich Sie bitten, uns nur unter unserem Tanznamen „Los Agilos“ anzusprechen. Wenn Sie in Sachen rhythmischer Künste dagegen eher unbeteiligt sind, können Sie sich auch dort vergnügen, wo nicht in ornamentalen Seitwärtsbewegungen, sondern mit entschlossenem Schritt nach vorne gearbeitet wird: beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung! Taxi und ich freuen uns natürlich besonders auf jene Ministerien, deren Gebäude auch geschichtstechnisch viel zu bieten haben: zum Beispiel das Verteidigungsministerium im Bendlerblock, wo unter anderem Tom Cruise erschossen wurde.

Hochachtungsvoll,

Ihr

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