ADEL berichtet FOLGE  87 : Blau-weiße Lederlegasthenie

Stefan Stuckmann zeichnet auf, wie unser Redaktionspraktikant Cedric zu Guttenberg die Stadt erlebt.

„So, Freundchen!“, rufe ich vor versammelter Redaktion meinen Jungdackel Taxi zur Rechenschaft. „Ich habe hier“, sage ich und halte mein iPad in die Höhe, „die aktuelle Statistik mit den Wohnungseinbrüchen. Ergebnis: minus 10,7 Prozent. MINUS!“ Taxi schaut mich an. „Und jetzt erzähl mir noch mal, eine osteuropäische Hehlerbande hätte sowohl mein FC-Bayern-Trikot, das Herbarium mit getrocknetem Meisterschaftsrasen von 1998 bis 2003 und meine rote Seidenbettwäsche geklaut. Während ich schlafe!“ Ich will gerade die Fotos vom Tatort präsentieren, als mir in der Reflexion auf dem Display ein blauer Umriss auf meiner Stirn auffällt. „Ein Hertha-Rubbel-Tattoo?!“, rufe ich. „Du Schwein!“

Schweißgebadet wache ich auf. Ich schnappe nach Luft und taste nach dem Lichtschalter. Gott sei Dank: Alles nur ein Traum! Dann spüre ich etwas Feuchtes auf meiner Stirn. „Gut gemacht!“, sagt der Volontär, während Taxi seinen Oberkörper von meinem Gesicht hebt. „Alles sauber weggeleckt!“ Verdammt – war ich doch wieder nur ohnmächtig.

Psychologisch ist die Sache eindeutig: Weil Taxi weiß, dass die einzige offene Frage vor dem heutigen Bundesligaspieltag die ist, ob meine Bayern seine blau-weißen Rundlederlegastheniker zwei- oder dreistellig in den Tabellenkeller kicken, flüchtet er sich in infantile Streiche.

Freitagmorgen teilt Taxi mir per SMS mit, dass er statt mit mir lieber im Hertha-Fan-Bus nach Bayern reist. 48 Stunden haben wir nicht miteinander geredet. Ich habe kaum geschlafen. Als mir auf der Autobahn mehrfach die Augen zufallen, schalte ich sofort das Fernlicht ein und wechsele auf die Überholspur, um mich mit ein paar Partien Angry Birds wach zu halten. Ich bin hinter Bitterfeld, als es plötzlich am Beifahrerfenster klopft: Es ist Taxi, der sich an einem Hertha-Schal aus einem fahrenden Bus abseilt. In seinen Pfoten hält er ein großes Lebkuchenherz. Aufschrift: „Rekordmeister“. Sofort fahre ich die Scheibe runter.

„Na alter Parkettschleifer, hast du die Hosen voll?“, rufe ich. Taxi schaut mich enttäuscht an, dann bellt er zwei Mal in Richtung Busfenster. „Schon gut, schon gut!“, schreie ich und hole die Schinkenbrote aus dem Handschuhfach.

„Ja gut, also, ‚vermisst’ ist ein großes Wort...“, sage ich zwei Minuten später, als Taxi in seinen Kindersitz geklettert ist. Unbewusst greife ich zum CD-Player, als Taxi sofort seine Pfote auf meine Hand legt. Stimmt ja: die Uli-Hoeneß-Biografie als Hörbuch - so weit sind wir noch nicht.

Hochachtungsvoll,

Ihr

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