Berlin : Adlon-Chef im Stasi-Zwielicht

IM-Akte „Benjamin“ aus Warnemünde enthält Berichte eines Thomas Klippstein – Kempinski stellt sich hinter seinen Direktor

Bernd Matthies

Ist Adlon-Direktor Thomas Klippstein noch im Amt zu halten? Diese Frage stellt sich, seit eine NDR–Dokumentation am Montag die Stasi-Unterlagen eines gewissen „IM Benjamin“ aufgedeckt hat, der zweifelsfrei den Klarnamen Thomas Klippstein trägt. Die biographischen Daten des Stasi–Mitarbeiters stimmen mit denen des Hoteldirektors so stark überein, dass eine Verwechslung ein außergewöhnlicher Zufall wäre: Beide wurden 1962 in Rostock geboren, begannen ihre Karriere im Warnemünder Hotel Neptun und wechselten 1988 nach Dresden.

In einer Erklärung von Kempinski-Präsident Reto Wittwer hieß es gestern zu den – wörtlich – „schwerwiegenden Vorwürfen“ gegen Klippstein, die Gruppe „steht voll und ganz hinter ihm und unterstützt ihn in dieser Angelegenheit“. Er sei ein hervorragender Hotelier, der sich in den vergangenen Jahren um Kempinski in besonderem Maß verdient gemacht habe. Klippstein selbst äußerte sich nicht. Seine Anwältin Julia Bezzenberger erklärte lediglich, sie gehe gegen den NDR-Bericht juristisch vor und habe eine einstweilige Verfügung erwirkt.

Die Stasi-Akte „IM Benjamin“ betrifft die Jahre 1988 und 1989. Stasi-Offiziere wurden Anfang 1987 auf einen jungen Empfangssekretär des Hotels „Neptun“ aufmerksam. Dieser verpflichtete sich im März 1988 unter konspirativen Umständen in einer eigenhändig geschriebenen Erklärung zur Mitarbeit. In der Folgezeit lieferte er zahlreiche Berichte über Gäste und Kollegen des Hotels, manchmal zwei am Tag – das gilt unter den Experten der Birthler-Behörde als außerordentlich fleißig.

Als im Januar 1989 ein Wechsel nach Dresden anstand, formuliert Stasi-Referatsleiter Leube in einer Einschätzung, der IM habe Aufträge „mit Umsicht, Sorgfalt und Eigeninitiative“ erledigt, Hinweise auf Verletzung der Konspiration habe es nicht gegeben. Auch als Mitarbeiter des Dresdener Hofs – später Hilton Dresden – soll „Benjamin“ seine Tätigkeit fortgesetzt haben. Aus den Akten ergibt sich, dass er dafür kein Geld erhalten hat.

Das Hotel Neptun wurde Anfang der 70er Jahre in bester Ostseelage gebaut. Es sollte vor allem zahlungskräftige Geschäftsleute aus dem Westen anlocken, hatte aber auch zahlreiche Journalisten, Staatsgäste und Politiker auf der Gästeliste, beispielsweise Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher, Uwe Barschel und Fidel Castro. Aus zahlreichen Stasi-Akten ist bekannt, dass prominente Gäste des Hauses praktisch rund um die Uhr observiert wurden; der Birthler-Behörde liegen rund hundert IM-Akten von Mitarbeitern des Hotels vor.

Heute ist das Haus eine edle Wellness-Adresse. Es wird immer noch von Klaus Wenzel geleitet, der den Bau Anfang der 70er Jahre initiiert und mitgeplant hatte. Der besondere Status des Hauses ergab sich daraus, dass es nicht der Interhotel-Gruppe unterstand, sondern der Handelsorganisation HO; der oberste DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski kontrollierte persönlich den Geschäftsgang.

Der heutige Adlon-Chef Klippstein kam 1993 zur Kempinski-Gruppe. Damals gehörte er zum Aufbaustab des Taschenbergpalais in Dresden. Später übernahm er Führungsaufgaben in anderen Kempinski-Häusern in Bangkok, St.Petersburg und Istanbul und kehrte schließlich 2001als Direktor des Hotels Gravenbruch bei Frankfurt nach Deutschland zurück. 2002 wurde er zum Eröffnungsdirektor in Heiligendamm ernannt, 2005 wechselte er als Nachfolger von Gianni van Daalen ins Adlon. Seine Arbeit gilt als sehr erfolgreich: Das Magazin „Impulse“ ernannte ihn zum „Hotelier des Jahres 2006“ und rühmte seine charismatische Persönlichkeit.

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