Adoption : Das Findelglück

Das Ehepaar Jacobsohn hat zwei Waisenkinder aus der Mongolei adoptiert. Die beiden Jungen kamen aus einer fremden Welt Inzwischen sind sie zu einer Familie zusammengewachsen – doch ihre Herkunft sollen Davaalkham und Oyunbaatar nicht vergessen

Annette Leyssner
Familie von Welt. Nannette und Andreas Jacobsohn leben mit ihren Adoptivkindern Davaalkham und Oyunbaatar in Steglitz.
Familie von Welt. Nannette und Andreas Jacobsohn leben mit ihren Adoptivkindern Davaalkham und Oyunbaatar in Steglitz.Foto: Thilo Rückeis

„Zu welchem Land gehört die Flagge?“, fragt der siebenjährige Davaalkham erwartungsvoll. Er stellt ein aus Legosteinen zusammengesetztes rot-blau-rotes Rechteck auf den Tisch. „Zur Mongolei“, löst er gleich darauf das Rätsel. Keine Frage, der Zweitklässler ist stolz auf seine Herkunft. Vor fünf Jahren haben ihn Nannette und Andreas Jacobsohn aus einem Waisenhaus in Ulan Bator in ihre Vier-Zimmer-Wohnung in Steglitz geholt. Die beiden können keine leiblichen Kinder haben, so entschlossen sie sich zur Adoption.

Außerdem waren sie sich einig: „Wir möchten einem Kind aus dem Ausland eine gute Zukunft geben“, sagt die 45-jährige Nannette. Die Vermittlung sollte natürlich seriös ablaufen. Deshalb nahmen sie die Hilfe des Berliner Vereins „Eltern für Kinder“ in Anspruch, der Adoptivkinder aus dem Ausland vermittelt. Im Jahr ihrer Bewerbung hatte der Verein gerade den Kontakt zu den dortigen Behörden aufgebaut und sie gefragt, ob sie ein mongolisches Kind aufnehmen würden. „Wir haben dann erst mal auf dem Globus nachgesehen, wo die Mongolei genau liegt“, erinnert sich der 49-jährige Fotograf und Grafiker Andreas Jacobsohn.

Die Vorbereitungen zogen sich bei der Adoption von Davaalkham über drei Jahre hin, bei der des zweiten Jungen Oyunbaatar dauerte es mehr als zwei Jahre. Wie auch bei der Adoption eines deutschen Kindes müssen psychologische und medizinische Gutachten eingereicht werden. Zusätzlich war es erforderlich, alle Unterlagen für die Behörden in der Mongolei zu übersetzen. Die Kosten dafür lagen für jedes Kind bei rund 10 000 Euro.

Ende 2004 schickten die Behörden ein Foto des zweijährigen Kindes: ihres Sohnes Davaalkham. Einige Wochen später reisten sie nach Ulan Bator und holten ihn dort aus einem Waisenhaus ab, das Findelkinder aufnimmt. Hinweise auf die Herkunft des Jungen gibt es nicht. „Er hat unsere Hände genommen und ist mitgegangen“, sagt sein Adoptivvater. Ein Gefühl der Vertrautheit sei sofort da gewesen. In einer Abschiedszeremonie wurde den Jacobsohns ein blauer Seidenschal und ein Würfelspiel aus Ziegenknochen geschenkt. „Davaalkham soll nicht vergessen, dass er Mongole ist“, legte die Heimleiterin den Eltern ans Herz.

Das ist dem Ehepaar wichtig – deshalb haben die Kinder ihre mongolischen Namen behalten. Davaalkham heißt „der Lama, der über den Berg kam“. Vor zwei Jahren adoptierten die Jacobsohns ihren zweiten Sohn aus demselben Waisenhaus. Oyunbaatar ist gerade vier Jahre alt geworden, sein Name bedeutet „der intelligente Held“. „Er war ganz anders als Davaalkham, sehr schüchtern, nahm keinen Blickkontakt auf“, sagt Nannette Jacobsohn. Davaalkham war der Erste, der dem kleinen Jungen ein Lächeln entlocken konnte. Mittlerweile plaudert das Kindergartenkind wie ein Wasserfall auf Deutsch, erzählt eifrig von seinem besten Freund Lukas und zieht ungeduldig den Vater am Ärmel, damit der ihm eine Garage für sein Polizeiauto baut.

Als Eltern kleiner Kinder lerne man, seine Umgebung anders wahrzunehmen, sagt Andreas Jacobsohn. Einer der ersten Ausflüge in Deutschland sollte zu einem Spielplatz gehen. „Aber so weit sind wir gar nicht gekommen. Stattdessen sind wir stundenlang einem Müllauto hinterhergelaufen, weil er so was nicht kannte“, sagt er. Ihre Adoptivsöhne haben ihr Leben bereichert, ist auch seine Frau überzeugt.

Probleme gab es jedoch auch: Selbst in Zehlendorf, das einen Ruf genießt als Bezirk, in dem die Welt noch in Ordnung ist, hätten ältere Schüler Davaalkham mit „Hau ab, du Chinese“ beschimpft. „In gewisse andere Bezirke oder das Umland fahren wir mit den Jungs gar nicht“, sagt sie.

Jedes Jahr schreiben die Jacobsohns einen Bericht über ihre Söhne und senden ihn mit Fotos an die mongolischen Behörden. Mit einem deutsch-mongolischen Kulturverein feiern sie außerdem das Nationalfest Naadam. Dann werden die typischen Wohnzelte, die Jurten, aufgebaut, und es gibt mongolisches Essen. In nicht allzu ferner Zukunft will Familie Jacobsohn das Fest in seinem Ursprungsland feiern: Sie wollen zusammen in die Mongolei reisen. „Die Jungs haben wir beide im Winter geholt. Da waren es jeweils minus 20 Grad und wir waren nur in Ulan Bator“, sagt Nannette Jacobsohn. „Diesmal wollen wir im Sommer fahren und mit ihnen auch das Land ansehen.“

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