Berlin : Advent, Advent, kein Lichtlein brennt

Erstmals dürfen Läden vor Weihnachten sonntags öffnen, Kirchen fürchten um Besinnlichkeit. Pro & Contra

Christian van Lessen

Begeistert sind der Handelsverband Berlin-Brandenburg und die Industrie- und Handelskammer, stolz ist der Senat, einen Schritt weiter auf dem Weg zur Metropole zu sein. Entsetzt aber sind die Kirchen und Gewerkschaften, sprechen von gestörter Sonntagsruhe und Verfassungsbruch. Alle schauen – euphorisch oder kritisch gespannt – auf den 3. Dezember, denn an dem Sonntag in fünf Wochen passiert vermutlich etwas bislang Einmaliges in Berlin: Erstmals dürften an diesem und an den folgenden zwei Adventssonntagen die Geschäfte öffnen, von 13 bis 20 Uhr. Berlin ist dann durchgängig geöffnet, und dann werden die Kunden entscheiden, ob sich das lohnt. Nur am vierten Adventssonntag bleiben die Geschäfte der Stadt zu –, der fällt auf Heiligabend.

Der Senat hat die Öffnung beschlossen, der Rat der Bürgermeister hat sie ohne lange Diskussion zur Entscheidung an das Abgeordnetenhaus weitergereicht. Vergangenen Donnerstag wurde gegen den Widerstand der Grünen ein Dringlichkeitsantrag für die nächste Sitzung des Hauptausschusses eingebracht. Im Plenum am 9. November könnte die erweiterte Sonntagsöffnung zum Gesetz werden – rechtzeitig vor dem großen Weihnachtsgeschäft.

Kaufen und Verkaufen an Adventssonntagen „liegt im touristischen Interesse“, sagt Regina Kneiding aus der Senatsbehörde für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz. „Mit den großzügigen Öffnungszeiten nähern wir uns großen Metropolen.“ Bislang durfte in der Regel vier Sonntage im Jahr zu bestimmten Anlässen (etwa Messen) geöffnet sein, künftig könnten Geschäfte nach eigener Wahl zwei weitere Sonntage öffnen – und vier Adventssonntage (die diesmal für die Geschäfte nur drei sind): Macht künftig also normalerweise zehn statt bisher vier verkaufsoffene Sonntage im Jahr.

Geschäftsführer Nils Busch-Petersen vom Handelsverband spricht von einer „guten Tradition“. Öffnungszeiten an Adventssonntagen habe es im Westteil bis 1956, im Ostteil sogar bis 1989 gegeben. Seit dem Urteil von Karlsruhe sei Berlin erst recht auf jede Geldeinnahme angewiesen, der Sonntagsverkauf ein „unglaubliches Argument für den Städtetourismus“. Holger Lunau, Sprecher der Industrie- und Handelskammer, ist froh, dass der Senat über die IHK-Forderungen nach zusätzlich zwei flexiblen Sonntagen noch hinausging. Berlin habe den Anspruch entwickelt, eine internationale Einkaufsmetropole zu sein. Auch Andrang aus dem Umland sei zu erwarten, wenn Brandenburg vermutlich nur an zwei Adventssonntagen Läden öffne.

Die Kirchen haben schon Alarm geschlagen. „Man muss keine Waschmaschine am Sonntag kaufen“, sagt Markus Bräuer, Sprecher der evangelischen Kirche. Der Sonntag sei im Grundgesetz geschützt, für die meisten Menschen ein arbeitsfreier Tag der Besinnung, der Familie. Er verändere das Gesamtklima einer Stadt, sei ein hohes Kulturgut.

Günther Waschkuhn, Fachbereichsleiter Handel und stellvertretender Verdi-Landesbezirksleiter, sieht durch die Rot-Rot-Koalition Tradition und Verfassung verletzt, die Sonn- und Feiertage schütze. Es werde gerade eine Klage gegen die erweiterten Öffnungszeiten geprüft. Ohnehin sei unklar, wie die Geschäfte das zusätzliche Sonntagsgeschäft personell bewältigen könnten, es werde zu Konflikten mit Betriebsräten kommen. Außerdem müsse man fragen, welche Kita zur Entlastung am Sonntag offen habe und ob die BVG ihre Taktzeiten für Busse und Bahnen ändere.

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