Berlin : Advent, Advent?: Wettlauf der Weihnachtsmänner

Cay Dobberke,Mathias Wöbking

39 Mal werden wir noch wach - erst dann ist Weihnachtstag. Aber in der Praxis hat die Adventszeit längst begonnen. Gestern wurde am Breitscheidplatz der erste Weihnachtbaum aufgestellt. Nur leider freute sich niemand so recht darüber. Die Tanne entspricht den Vorstellungen der Weihnachtsmarkt-Händler so wenig, dass sie fast wieder abtransportiert worden wäre. Den Alexanderplatz soll von heute an eine 33-Meter-Fichte schmücken. Das Weihnachtsgeschäft startete durch die Händleraktion "7 Shopping-Weekends" bereits Anfang November, Kaufhäuser und Einkaufszentren sind passend dekoriert. Bei den studentischen Arbeitsvermittlungen sind bis jetzt 4000 Auftritte von Weihnachtsmännern bestellt.

Als ein Schwertransporter aus Bayern gestern am Breitscheidplatz ankam, war die Enttäuschung groß: "Unten sehr dünn und teilweise schief gewachsen", bemängelte Christian Wagner vom Schaustellerverband. "Reif fürs Sägewerk" fand jemand anders den 20-Meter-Baum. Am liebsten, so Wagner, würden die Weihnachtsmarkt-Händler vor der Eröffnung am 27. November noch einen anderen Baum herbeischaffen. Aber: "Wir werden wohl damit leben müssen. Denn die Genehmigungen für so einen Schwertransport dauern Wochen." Man werde also versuchen, den Baum durch "verstärkten Schmuck" aufzuwerten.

Unterdessen beanspruchen die Veranstalter des Weihnachtsmarkts am Alex für ihre Fichte den Rang des "weltgrößten Weihnachtsbaums". Mit dem selben Titel wirbt auch Dortmund für sich, die Schmuckstücke sind aber kaum vergleichbar. In Dortmund wird aus mehr als 1500 Fichten ein 45 Meter hoher Kegel zusammengebaut, während für die 33 Meter in Berlin ein Gewächs reicht. Einen üppigen Baum kündigt auch das Sony-Center am Potsdamer Platz an.

Auch die Kaufhäuser, Supermärkte und Boutiquen verbreiten schon festliche Stimmung. So hat das KaDeWe an der Tauenzienstraße in seiner Eingangshalle einen Weihnachtsmarkt eingerichtet, auf Wunsch flechten Floristinnen dort individuelle Adventskränze. In den Lichthöfen gibt es Schnitzereien aus dem Erzgebirge und Baumschmuck. Goldene und rote Sternchen glitzern in der Spielwarenabteilung und über Dessous-Regalen. Lebkuchen oder Christstollen sind in einem speziellen Süßwarenmarkt erhältlich. An der Außenfassade werden gerade Glühbirnen eingedreht. Dennoch betont KaDeWe-Sprecherin Dagmar Flade: "Wir wollen nicht, dass es zu früh beginnt - und das signalisieren uns auch die Kunden." Die Schaufenster würden erst am Monatsende weihnachtlich dekoriert.

In den Potsdamer-Platz-Arkaden baumeln riesige goldene Weihnachtskugeln von der Decke, alle zehn Meter stehen kleine, dekorierte Kunsttannen. Allerdings ist erst einer der Fünf-Meter-Plastikbäume geschmückt. Auch die einzelnen Geschäfte halten sich noch mit Dekorationen zurück. Dafür hängen Sterne aus Neonröhren bereits in den Bäumen vor dem Einkaufszentrum in der Alten Potsdamer Straße.

Die Kunden reagieren unterschiedlich. Edith und Bodo Post halten von Weihnachtskonsum nichts. Und doch versetze sie die Dekoration in der Passage ein bisschen in Festlaune. "Die ersten drei Tage wird einem erstmal übel bei all dem Glanz", beklagte Christine Bäcker, die mit ihrem Mann Uwe am Dienstag im KaDeWe nach einem Christbaumständer gesucht hat. Aber: "Eine Woche später kauf ich mir Lebkuchen und freue mich." Regina Stephan kritisierte, die novemberliche Weihnachtsdekoration entzaubere das Fest vor allem für Kinder. Für Birgit Faber steht die Vorweihnachtszeit in den Geschäften vor allem für große Hektik und unfreundliche, genervte Verkäufer. "Da macht das Einkaufen keinen großen Spaß."

Die studentischen Arbeitsvermittlungen rechnen am Heiligabend mit rund 10 000 Auftritten von Weihnachtsmännern. Als Folge des Regierungsumzugs geht es immer öfter nicht nur um Heiligabend: "Die Bonner bestellen lieber den Nikolaus."

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