Adventsonntag : Shoppen ohne Gedränge

Der erste verkaufsoffene Adventssonntag begann verhalten. Am Dienstag entscheidet Karlsruhe darüber.

Andreas Conrad
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Weihnachten kommt. Der Einzelhandel gibt sich optimistisch. -Foto: Keystone

Das ist die Gelegenheit! Sonst reckt man in den Verkaufshallen von Elektronikhändlern häufig vergebens nach Verkäufern den Hals, und hat man einen entdeckt, steckt er mitten im Kundengespräch. Aber jetzt, bei Saturn im Europacenter am Sonntag gegen halb drei, stehen in der Software-Abteilung gleich zwei zusammen und haben offenbar nichts zu tun. So eine Chance, sich über ein neues Computerprogramm zu informieren, kommt so schnell nicht wieder, und wirklich, der Verkäufer, der dieAufgabe übernimmt, antwortet bereitwillig, sogar geduldig, als der Kunde sich als nicht sehr bewandert in diesen Dingen erweist.

Eine symptomatische Situation für den gestrigen ersten Advent, den ersten verkaufsoffenen Sonntag in den Wochen vor Weihnachten. Das Geschäft mag im Laufe der fünf Verkaufsstunden noch angezogen haben, aber es begann sehr verhalten. Gewiss, die Trottoirs an der Tauentzienstraße waren gegen 14 Uhr voll, und man musste schon einige schlangenhafte Fähigkeiten besitzen, um fix voranzukommen. Trat man aber aus dem Gewusel in die Läden, sah es schon ganz anders aus und man hatte seine Ruhe.

Immerhin, wer eine erste Einschätzung der Kaufstimmung erbat, bekam neben dem Verweis auf die für eine Bilanz noch zu frühe Stunde vielfach gleich eine Schwärmerei über den Sonnabend mitgeliefert. „Ganz toll“ sei das gewesen, man hätte meinen können, es sei bereits Weihnachten, freute sich im KaDeWe eine Verkäuferin von Godiva Chocolatier. Auch im neu eröffneten Lego-Shop zwischen Leiser und Peek & Cloppenburg muss der Sonnabend ähnlich gewesen sein. Wenn auch der Filialleiter auf die Zentrale in München verwies, die allein Auskünfte gebe – ein junger Verkäufer hatte doch schon verraten, dass viel mehr los war als erwartet. Aber am Sonntag war auch hier zwischen den Regalen noch viel Platz für Kundschaft, selbst die Spielecken waren weitgehend unbenutzt.

Nike Town, Leiser, P & C oder auch Karstadt in der Steglitzer Schloßstraße, ebenso die Potsdamer-Platz-Arkaden – überall potenzielle Käufer, mal mehr, mal weniger, aber nie so viele, dass man darin den großen Durchbruch zum hemmungslosen Konsum sehen konnte. Und die Kunden müssten ja auch mit Paketen und Tüten vollbepackt nach Hause wanken. Nach solchen Exemplaren musste man gestern lange suchen.

Und dabei kam man doch so günstig in der Stadt herum: Ein Einzelfahrschein genügte für den ganzen Tag. Viele wussten das, anderen war es völlig neu – dieses widersprüchliche Bild hatte die Verkäuferin im Verkaufskiosk der U-Bahnstation Krumme Lanke gewonnen, die ihre Kunden beim Ticketkauf stets auf die Wiedergutmachungsaktion der S-Bahn hinwies. Auch beim BVG-Schalter am U-Bahnhof Wittenbergplatz gab es diesen Tipp.

Die Einzeltickets werden auch an den übrigen Adventswochenenden für den ganzen Tag gelten, wie es dann mit dem verkaufsoffenen Sonntag bestellt ist, steht bisher in den Sternen –  und am Dienstag im Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das über die Klage der Evangelischen Kirche gegen das Sonntagsshoppen entscheidet. Die Gewerkschaft Verdi unterstützt die Klage, dem Berliner Einzelhandelsverband ist sie ein Horror, aber kein sehr arger. „Ich werde sehr entspannt und optimistisch nach Karlsruhe fahren“, versicherte Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen der Agentur ddp. Sollte das Gericht die Sonntagsruhe hochhalten, sieht er bis zu 1000 Arbeitsplätze gefährdet. Andreas Conrad

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