Adventsserie: Es weihnachtet sehr : Ein Herz wie Frau Holle

Irgendwie ist sie wie die Figur aus dem Grimm’schen Märchen: naturverbunden, großzügig, spirituell. Marianne Sägebrecht hat die Schnee-Fee im Film verkörpert. Nun liest sie deren Geschichte im Babylon.

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Lässt es im Rahmen der Grimmschen Märchentage im Kino Babylon schneien: Marianne Sägebrecht liest Frau Holle.
Lässt es im Rahmen der Grimmschen Märchentage im Kino Babylon schneien: Marianne Sägebrecht liest Frau Holle.Foto: picture-alliance/ dpa

So muss das gegangen sein vor dem Dreh, eine Verwandlung, ganz einfach und stimmig. Sie zieht noch die gesteifte Haube über die getufften blonden Stocklocken, zupft mit spitzen Fingern die Puffärmel zurecht, schürzt die Lippen, ein freches Lächeln in den Mundwinkeln und schickt einen ihrer Augenwinkel-Blicke, kokett und wissend, übers Kissen in die Kamera. Marianne Sägebrecht brauchte nicht viel Maske, um zu Frau Holle zu werden. Die gute Gestalt aus dem Grimmschen Märchen ist ihr nicht erst nah, seit sie sie 2008 im Fernsehfilm gespielt hat. Der Großvater, erzählt sie, habe sie ihr schon in Kindertagen ans Herz gelegt. „Eine Frau, die zwischen Himmel und Erde vermittelt.“ So eine, sagt die bayrisch Barocke, sei sie irgendwie ja auch. Ein Gutteil Kräuterfrau wie schon die Urgroßmutter, eine Geerdete, die „die Natur heiligt“. Und auch eine mit starkem Glauben, die sich „in den Himmel hineindenken kann“.

Die Frau Holle gibt Marianne Sägebrecht jetzt wieder: Sie liest die Geschichte am 1. Dezember als Adventsauftakt der Grimm’schen Märchenreihe, die das Kino Babylon zusammen mit dem Defa-Verleih Progress Film veranstaltet. Erst die Sägebrecht als Erzählerin auf der Bühne, dann der alte Film auf der Leinwand. Dafür kommt der Star vom geliebten Ostufer des Starnberger Sees via Zwischenstopp in Köln ganz selbstverständlich nach Berlin. „Ich gehe gern zu den Menschen“, sagt sie. „Das macht mich glücklich, in Antlitze zu schauen.“ Gerade hat die 67-Jährige eine Lesetour abgeschlossen mit Liedern und Gedichten „vom Sterben fürs Leben“. Und nun noch diese schöne Märchensache, passend zur Defa-Kunst!

Die Symbolik der Frau Holle taucht eh immer wieder auf in ihrem Leben. In einer Frauen-WG hat sie viele Jahre auf einem großen Bauernhof in der Holledau gelebt. Und den Holunder, der sich im Namen der Sagenfigur findet, schätzt die Kräuterhexe Sägebrecht als „Apotheke Gottes“. Die Blüten soll man vorsichtig zupfen, die Beeren nicht ganz abernten. „Ein Drittel muss für die Vögel bleiben. Teilen ist immer wichtig.“

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Da ist ihr Thema: Geben und teilen und seinen Frieden machen mit den Menschen und vergeben können. Klingt beinahe klösterlich. „Ach, ich wollt’ ja schon mit zwölf eine Nonne werden. Verantwortung für mich selbst übernehmen, selbstverständlich miteinander teilen.“ Ihre Mutter fand so viel Selbstlosigkeit reichlich g’spinnert. „Du würdest auch noch Deinen Hintern verschenken“, hat sie wenig christlich zur Tochter gesagt. Aber die blieb dabei: Ihr Auskommen wollte sie schon haben, „aber was mehr ist, kann man doch verteilen.“

Sägebrecht, die Spirituelle. Zu ihren Weihnachtserinnerungen befragt, erzählt sie gleich vom Stiefvater, dem KZ-Überlebenden, dem sie sich erst bei den gemeinsamen Kirchgängen zu Weihnachten so recht nah fühlte. Denn da konnte er sein weiches Herz zeigen.

In der stillen Zeit sucht sie die innere Einkehr, auch heute noch. Daheim auf dem Hof, den sie ihre „Mini-Ranch“ nennt, dekoriert sie im Advent wie eine Wilde. „Ich bin ein Zug, ich fahr’ langsam an, und dann wächst das immer mehr.“ Ein Tannenbaum? „Auf alle Fälle!“ Kerzenlichter müssen sein, allüberall. Sie trennt sich am Ende so schlecht von dieser Saison, auch vom Dekor in den Zimmern. Andere schmücken zu Dreikönig ab. „Ich warte bis Lichtmess.“

Ohne fröhliches Kochen und großes Tafeln vergeht kein Christfest. Dieses Jahr will sie den Weihnachtsabend ganz ruhig verbringen, mit Tochter, Enkelin und Schwester. Am ersten Feiertag sind die Freunde dran – „fast schon eine rituelle Geschichte“. Und am zweiten Feiertag wird ein Gastraum gemietet. „Da rufen wir liebe Menschen zusammen, denen es nicht so gut geht“. Geschenke? „Untereinander nichts Großes. Wir basteln selber was.“ Sie macht ihren Kräuterlikör, eine wohlschmeckende Arznei.

Sägebrecht hat ihre Sicht der Dinge sogar in den Holle-Film von 2008 einfließen lassen. Die faule Marie ist nicht hässlich, das Pech klebt nicht ewig an ihr, das Licht kommt zurück. Holle anthroposophisch, ohne Grimm’schen Ingrimm. So stimmt Mariannes moderne Märchenwelt. „Das hamma durchgeboxt.“

Die Lesung mit Marianne Sägebrecht beginnt am Samstag, 1. Dezember um 16 Uhr im Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30. Im Anschluss wird der alte Defa-Film Frau Holle gezeigt. Am Ende erhalten alle Besucher eine bayrische Brotzeit. Karten (7 Euro) sind ab sofort an der Kinokasse erhältlich.

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