Ägypter demonstrieren in Berlin : „Zusammenhalten bis zum Sieg“

Hunderte Ägypter demonstrieren am Wochenende in Berlin gegen die Machthaber in der Heimat. Viele sorgen sich um Familie und Freunde.

Karin Schädler
Seit Freitag demonstrieren Ägypter auch in Berlin.
Seit Freitag demonstrieren Ägypter auch in Berlin.Foto: REUTERS

Marwa Abidou und ihr Mann haben meist unterschiedliche Meinungen zu politischen Themen. Doch zurzeit sind sich die beiden völlig einig: Machthaber Mubarak soll nach 30-jähriger Herrschaft endlich abtreten, Ägypten soll demokratisch werden. „Ich mache mir große Sorgen um die Menschen in Ägypten“, sagt Abidou. Bisher habe sie sich recht wenig politisch engagiert, doch nun wolle sie unbedingt auch hier demonstrieren: „Ich höre, wie die Menschen unter dem Regime leiden, wie sie Angst haben, da müssen wir doch zusammenhalten und etwas tun.“ Gemeinsam mit rund 600 weiteren Ägyptern demonstrierte sie am Samstag auf einer Kundgebung vor der Gedächtniskirche. Am Sonntag ist um 13 Uhr ein Protestzug ab Potsdamer Platz geplant.

Wie andere Ägypter in Berlin sitzt Marwa Abidou ständig vor dem Computer, versucht über Skype oder Facebook mit ihrer Familie dort zu kommunizieren und über den arabischen Fernsehsender Al Jazeera die neuesten Nachrichten zu erhalten. Doch seit Donnerstagabend sind die Handynetze und der Internetzugang in Ägypten gesperrt. Für Abidou bedeutet das: Nur ab und zu mal ein Anruf übers Festnetz und die restliche Zeit Sorge um ihre Familie.

Marwa Abidou ist nach Berlin gekommen, um an der Freien Universität ihre Doktorarbeit in Theaterwissenschaft zu schreiben, ihr Mann Mohamed Abou Salem arbeitet als Informatiker. Sie gehören zu der für ägyptische Einwanderer typischen Gruppe der sogenannten Bildungsmigranten. Nach Schätzungen leben in Berlin knapp 2000 Ägypter. Die meisten studieren an den Unis der Stadt und arbeiten danach häufig weiter hier. Andere sind mit deutschen Partnern verheiratet.

Vier Demonstrationen haben Exil- Ägypter an diesem Wochenende organisiert – auch Marwa Abidou und ihr Ehemann beteiligten sich daran. Die Demonstranten rufen die gleichen Sprechgesänge wie die Menschen in Ägypten: „Das Volk will den Sturz des Regimes“, „Nieder, nieder mit Mubarak“ oder auch „Revolution, Revolution bis zum Sieg“ – und zwischendurch: „Wir sind das Volk“.

Vor der Gedächtniskirche sind viele junge Männer und Frauen dabei. Sie gestikulieren, sie schreien sich ihre Wut auf Mubarak und ihre Sorge um die Angehörigen von der Seele. Ägyptische Fahnen werden geschwenkt. Auf Schildern steht „Mubarak, hast du denn genügend Gefängnisse für 86 Millionen Ägypter?“, „Der korrupte Unterdrücker muss gehen“ oder einfach „Demokratie, Gleichheit und Freiheit“.

Auch Iraker, Palästinenser, Tunesier, Türkischstämmige und einige Deutsche mischen sich unter die Protestler. Bereits am Freitag haben sich etwa 200 Menschen vor der Ägyptischen Botschaft versammelt. Und für den Protestzug am Sonntag ab Potsdamer Platz werden wieder einige hundert Teilnehmer erwartet.

Mit so viel Solidarität habe sie nicht gerechnet, sagt Abidou. Eine Moderatorin sei sichtlich gerührt gewesen, als sie von den Sorgen um meine Familie sprach. Abidou freute sich über so viel Mitgefühl.

Ganz in ihrer Nähe demonstriert Marianne Wagdy. Sie stammt aus einer christlichen Familie in Ägypten, ist für ihr Studium nach Deutschland gekommen und arbeitet in Berlin als Übersetzerin. Sie hat über Facebook viel Werbung für die Demonstrationen gemacht. Die 26-Jährige sagt: „Ich musste einfach etwas tun.“ Es gebe in Ägypten breite Schichten, „die kein Mitspracherecht haben, die unglaublich arm sind“. Als Demonstrationen dann niedergeschlagen wurden, habe das ihr Gefühl verstärkt, dass es so nicht mehr weitergeht. „Dann wurden die Handynetze gesperrt, und ich war panisch, konnte nicht schlafen.“ Doch selbst wenn man die Familie zu Hause erreiche, wisse man schon wenig später nicht mehr, ob jemandem etwas passiert sei.

Deshalb fühlt sich Marianne Wagdy „verzweifelt und hilflos“. Sie freue sich, dass auch die Christen in Ägypten zahlreich protestieren. Religiöse Gesänge seien bislang ausgeblieben. Doch selbst wenn Muslime etwa „Allah ist groß“ rufen würden, verstehe sie das als Ausdruck ihrer Hoffnung auf Besserung. Marianne Wagdy ist optimistisch. „Ich habe gerade den Eindruck, dass wir als Volk vereint sind - dort und hier.“

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