Berlin : Ährenvolles Vergnügen

Am ersten Sonntag im Oktober werden die Gaben der Natur gefeiert – in der Kirche wie im Kleingarten

Lothar Heinke

Die Ministerin für Äpfel, Birnen und andere Gaben der Natur kommt ins Schwärmen: „Wenn ich im Spätsommer im Berliner Umland unterwegs bin, fahre ich manchmal durch uralte Obstbaumalleen“, sagt Renate Künast. „Knorrige alte Bäume tragen Pflaumen, Birnen, Äpfel. Es scheint, als ob sie rufen: Rüttle mich, schüttle mich, aber die Rufe bleiben meistens ungehört.“

Nicht so in den Laubenkolonien, diesen fruchtbaren Oasen in und am Rande der Stadt. Der große Garten Eden der fleißigen Berliner Laubenpieper trägt auch in diesem Jahr reichlich Früchte. Saftige Äpfel, gelbe Birnen werden mit kundiger Hand gepflückt; Tortenböden, Einweckgläser und die kleingartenlosen Freunde warten schon. „Das regenreiche Jahr hatte seine Vorteile. So wurde das Wachstum befördert“, sagt Jürgen Hurt, der Präsident des Landesverbandes der Gartenfreunde. Der Chef von fast 1000 Kleingartenanlagen mit genau 83552 Parzellen kommt sogleich auf den Punkt: Die Ernte ist gut, das muss gefeiert werden. So ist es guter Brauch, am kommenden Sonntag steht „Erntedanktag“ im Kalender.

In der Kirche ist ein Erntedankfest seit dem 3. Jahrhundert belegt, in der Regel danken die Christen beider Konfessionen dem Schöpfer des Himmels und der Erden am ersten Sonntag im Oktober für das, was er uns allen bescheret hat. Da wird der Altar mit Früchten geschmückt, riesige Kürbisse liegen dekorativ zwischen Getreidegarben, Sonnenblumen, Äpfeln und Birnen, Kartoffeln und Rüben. Manche Gemeinden können es kaum erwarten und feiern Erntedank schon vor dem offiziellen Termin – letzten Sonntag kamen im evangelischen Johannesstift in Spandau wieder Tausende zu einem Volksfest mit Dankgottesdienst, Erntekrone, Umzug, 120 Verkaufsständen und einem Bläser-Turmkonzert. Und auch die Kleingärtner richten sich danach, wann der Segen der Natur am größten ist. Denn nichts soll umkommen: Die Kolonie Ruhwald in Charlottenburg breitete ihren Gartensegen auf vielen Tischen am Spandauer Damm aus, um den Charlottenburgern Obst, Gemüse und Blumen zu schenken – als Dank für die Unterstützung beim Kampf der Kleingärtner um ihre Scholle. „Hier sollten Wohnungen gebaut werden, was wir gemeinsam bisher verhindert haben“, sagt Wolfgang Haut, der Vorsitzende von Ruhwald. Von der Straße aus sieht man eine Nachbildung der Freiheitsglocke und eine Abwandlung der berühmten Worte „Wir glauben an die Nützlichkeit jedes einzelnen Kleingartens. Wir glauben, dass jeder Mensch das Recht auf Freizeit und Erholung hat. Wir versprechen, jedem Angriff Widerstand zu leisten, wo auch immer er auftreten möge.“

Jürgen Hurt, der oberste Gartenfreund, nennt die Erntedankfeste in den Kleingärten „große Familientreffen“, auf die man sich schon seit Wochen freut. In der Anlage Oeynhausen nahe der Mecklenburgischen Straße gibt es eine kleingärtnerische Multikulti-Gemeinschaft mit Laubenpiepern aus 17 Nationen. „Alle haben einen Gott, dem sie an diesem Tage auf unterschiedliche Weise danken, und wir bemerken in der Gesellschaft eine verstärkte Rückbesinnung auf die kulturellen Werte. Dazu zählen wir auch den Erntedank.“

Junge Frauen haben, klagt ein Spartenvorsitzender, zwar oftmals keine Lust, Apfelkuchen zu backen, aber sie singen verstärkt in Chören christliche Dankeslieder, und Pfarrer kommen in Kleingärten vorbei, um der Ernte den Segen zu geben. Die Gaben am Altar finden rasch ihren Weg in Seniorenheime, zu Obdachlosen oder zu jenen, die sich täglich in der von den Franziskanern betriebenen Pankower Suppenküche treffen. „Wir kriegen aus vielen Gemeinden gute Gaben, darunter übrigens auch Zahnbürsten, Zahncreme, andere Hygieneartikel und Konserven aller Art“, sagt Bruder Johannes. „Beim Gottesdienst danken wir für alles, was uns in die Wollankstraße gebracht wird.“

„Ich kaufe zum Beispiel Kaffee, Butter und einen Berg Trauben, die dann mit den Geschenken der anderen Gemeindemitglieder zum Obdachlosencafé am Mariannenplatz gebracht werden“, sagt Pfarrer Matthias Loerbroks, der in der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt die Erntedankpredigt zu Jesaja 58, Vers. 7 bis 12, hält. „An diesem Tag wird quasi handgreiflich, dass wir die Beschenkten sind – Früchte als Symbol für das, was uns von Gott gegeben wird“, sagt ein Sprecher der Evangelischen Kirche.

Renate Künast sieht noch einen anderen Aspekt: Gerade für uns Städter sei das Erntedankfest eine gute Gelegenheit, über unsere Lebensmittel und ihre Produktion nachzudenken. „Es lohnt sich. Lebensmittel sind im wahrsten Sinne des Wortes Mittel zum Leben. Gutes Essen ist die Basis für gutes, gesundes Leben.“ Die Ministerin beklagt, dass uns der Bezug zu den natürlichen Lebensgrundlagen immer mehr verloren gehe. Deshalb mögen wir hinausfahren, das Umland habe viel zu bieten: „Regional ist erste Wahl.“ Wir sollten mehr nach den Jahreszeiten leben: „Vorfreude ist etwas Tolles: Ende April der erste Spargel oder jetzt im Herbst die kleinen Bauernpflaumen und die wunderbaren Äpfel. So kann man mit dem Geschmackssinn Jahreszeiten und Regionen erspüren“.

Bei wem er sich für die Früchte im goldenen Herbst bedankt, bleibt jedem überlassen. Wenn die Äpfel vom Baum ins Gras kullern, Nüsse, Eicheln und Kastanien herabfallen, erfahren wir alle Jahre wieder, was uns schon Friedrich Schiller sagen wollte: Aller Segen kommt von oben!

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