Berlin : Äivago

Schiwago

Katrin Hillgruber

Wer könnte je diesen Blick aus schwarzen Samtaugen vergessen, Inkarnation der russischen Seele und Sehnsucht? Omar Sharif spielte als Arzt und Dichter Jurij Schiwago in der Verfilmung von Boris Leonidowitsch Pasternaks (1890-1960) Jahrhundertroman die Rolle seines Lebens. Merkwürdig nur, dass die vermeintlich slawischen Augen einem Ägypter gehörten, und sämtliche Szenen, sei es der verschneite Moskauer Arbat oder die Landschaft rund um das Ural-Städtchen Warykino, in Spanien nachgestellt wurden – die Politik ließ Regisseur David Lean 1965 keine andere Wahl.

Aus der Perspektive eines bolschewistischen Generals, Schiwagos Halbbruder, wird die Epoche ab 1904, dem Russisch-Japanischen Krieg, bis Mitte der dreißiger Jahre in einem Menschenschicksal abgebildet, wie es tragischer nicht verlaufen könnte. Ob nach der Oktoberrevolution auf dem Weg in die Einsamkeit des Ural, ob in der letzten Szene im stalinistischen Moskau, als Schiwago nach einem Herzinfarkt auf offener Straße zusammenbricht: Immer hat er seine entschwundene Liebe Lara im dunklen Sehnsuchtsblick. Schiwagos Ende spielt auf den tödlichen Kollaps des Konsuls Thomas Buddenbrook an. Seit seiner Studienzeit in Marburg (die Mutter habe ihn mit 200 Rubel losgeschickt, schreibt er in „Selbstbildnis“), hegte Boris Pasternak eine große Liebe zur deutschen Sprache und Literatur. Stets erinnerte er sich an einen Besuch Rainer Maria Rilkes in seinem Elternhaus.

„Doktor Schiwago“ hat die westliche Vorstellung vom vorrevolutionären Russland wie kein anderer Roman geprägt. In Pasternaks Heimat wurde das Buch, an dem er sein halbes Leben gearbeitet hatte, als „grässliches antisowjetisches Machwerk“ verfemt. So ist es dem Mut von Giangiacomo Feltrinelli – damals noch Mitglied der kommunistischen Partei Italiens – zu verdanken, dass „Il dottor Zivago“ 1957 in Italien erscheinen konnte, auch durch Mittlerdienste des Moskauer ARD-Korrespondenten Gerd Ruge. Der Briefwechsel zwischen Autor und Verleger ist ein einziges Abenteuer, nachzulesen in Carlo Feltrinellis Biographie „Senior Service“. Nur die Briefe des Schriftstellers, die auf Französisch gehalten waren, gaben dessen wahre Meinung wieder; alle anderssprachigen waren Tarnschreiben, um die Zensur zu beruhigen.

1958 wurde Boris Pasternak der Nobelpreis für Literatur zuerkannt. Er lehnte ihn ab, um nicht emigrieren zu müssen. Zwei Jahre später starb er, von den Querelen zermürbt, in Peredelkino, Stalins Mustersiedlung für die „Ingenieure der menschlichen Seele“. Heute führt „Doktor Schiwago – die Romanreise“ an die Stätten jenes Nationalepos, das erst 1988 in der sich auflösenden Sowjetunion erscheinen konnte. Pasternaks Datscha, seit der Perestrojka als Museum eingerichtet, wurde zum Pilgerort.

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