Älter werden in Berlin : Endlich frei

Die Rente nutzen heute viele Senioren, um noch einmal neu anzufangen. Die einen ziehen mitten in die Stadt, die anderen raus ins Grüne.

Tanja Tricarico,Lea Hampel

In die Stadt!



Als sie vor drei Jahren ihre Koffer auspackt, weiß sie, dass sie angekommen ist. In Kreuzberg, zwischen Sex-Shop, Möbelmarkt und türkischem Gemüsestand. Karin Hoffmann ist Rentnerin. 30 Jahre lang hat sie im beschaulichen Wolfsburg gelebt. Im Alter zieht es sie in die Millionenmetropole Berlin. <br><br>

Laut eines Berichts der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung machen jedes Jahr 20 000 Menschen über 60 Jahre Berlin zu ihrer neuen Heimat. Mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Yoga für Senioren, Bridgeabende oder Handykurse für Rentner: Vor allem Freizeitaktivitäten locken die Alten. Aber auch die vielen verschiedenen Pflegeeinrichtungen und Hilfsangebote.
"Ich wollte noch einmal aufbrechen", sagt Hoffmann. Die 66-Jährige kennt keine Langeweile und keine Rast. Wenn sie spricht, unterstreicht sie die wichtigen Worte mit einer bestimmenden Handbewegung. Sie macht, wonach ihr gerade der Sinn steht. Mal Bioenergetik in Steglitz, mal Qi-Gong in der Hasenheide. Ein Gewerkschafter, der Lehrer und ein Buchhändler üben mit ihr. "Eine lustige Runde sind wir", sagt Hoffmann. "Das gibt's in Wolfsburg nicht."  <br><br>

Die Großstadt jagt Hoffmann keine Angst ein. Um Betrunkene und dunkle Gestalten macht sie einfach einen großen Bogen. Die Geschichten, die ihr passieren, erfüllen sie eher mit Staunen. Zum Beispiel der junge Mann, der auf den Spuren seines Vaters durch Berlin streift und auf Hoffmann trifft. Oder die Frau, die in der Post mit einer unsichtbaren Person schimpft und sich erst beruhigt, als die Rentnerin sie anspricht. "Die Stadt gibt mir Impulse", sagt Hoffmann.  <br><br>

Freunde von ihr leben seit Jahren in Berlin. Regelmäßig machen sie Spieleabende, probieren exotische Restaurants aus, fahren in den Urlaub. "Ich habe Glück gehabt", sagt Hoffmann. "Wenn ich Hilfe brauche, ist jederzeit jemand da." Einsam fühlt sie sich nicht. "Und wenn, dann telefoniere ich oder schreibe SMS", sagt sie. Dass es auch anders sein kann, weiß Hoffmann. Über die Zeit, wenn sie auf Hilfe angewiesen ist oder gar nicht mehr allein leben kann, mag sie jetzt nicht nachdenken.
Karin Hoffmann ist in ihrem Leben schon oft aufgebrochen. Mit Anfang zwanzig arbeitet sie als Kindermädchen in Paris, geht dann nach Afrika, landet schließlich in Wolfsburg, zieht drei Kinder groß. Mit knapp 60 Jahren verlässt sie ihren Mann, fängt wieder neu an. Und jetzt Berlin.  <br><br>

Als Berufstätige hat sich Hoffmann in Wolfsburg über dreißig Jahre lang um behinderte Kinder gekümmert. Jetzt will sie wieder arbeiten. Freiwillig als Leihoma. Für den Berliner Großelterndienst springt sie als Babysitterin bei Familien in ihrer Gegend ein. "Weil es mir Spaß macht", sagt Hoffmann. Theaterspielen will sie noch, oder einen Nähkurs machen. Vielleicht schreibt sie auch ein Buch. <br><br>

Im Ruhestand hat sie endlich das, was sie sich manchmal gewünscht hat: Geld zum Leben, ohne arbeiten zu müssen und Zeit. "Ich kann nichts mehr verpassen", sagt Karin Hoffmann. "Berlin ist meine letzte Station." Tanja Tricarico



Raus ins Grüne

Manchmal, wenn wieder ein Zitronenfalter über ihre Pflanzen schwirrt, kann sich Else Schweizer gar nicht losreißen. Dann möchte die 65-Jährige einfach sitzen bleiben auf der Bank hinter dem Backsteinhaus, auf ihr Beet schauen und die Zeit verstreichen lassen. Noch geht das leider nicht. Ihr Bus vom Stadtgut Blankenfelde im Berliner Norden zurück in die Stadt fährt nur alle 20 Minuten. Es dauert beinahe eine Stunde, bis sie zu Hause in Friedenau ist. Die Gegend, in der sie seit vielen Jahren wohnt, ist verhältnismäßig grün, aber Else Schweizer empfindet sie vor allem als eines: eng. Deshalb will Else Schweizer raus, in die Natur, wo es ihr am besten geht. Sie ist eine von 10 000 Senioren über 60 Jahren, die im Jahr aus Berlin wegziehen.

Jetzt, wo sie im Ruhestand ist und keine Verpflichtungen mehr hat, plant sie ihren Umzug ins Grüne. Einen Garten hat sie schon auf dem Stadtgut Blankenfelde, aber das alte Ausbildungszentrum für Landwirtschaft ist noch nicht ausreichend saniert.

Seit den 60er Jahren wohnt Else Schweizer in der Stadt – mindestens genauso lang träumt sie vom eigenen Garten. Schon seit mehreren Jahrzehnten versucht sie, ökologisch und sozial verantwortungsbewusst zu leben. Seit 20 Jahren engagiert sich die ehemalige Psychologin und Sozialarbeiterin im Natur- und Kulturverein Labsaal-Lübars, einer bekannten Bürgerinitiative.

Die Idee, im Rahmen einer solchen Initiative ihren Traum vom Alter im Grünen zu verwirklichen, hat sie schon lang. 2004 entschloss sie sich für das Projekt „Stadtgut Blankenfelde“ am nördlichen Stadtrand Berlins. Dort wollen Menschen verschiedener Generationen ein seit 15 Jahren leer stehendes Gelände herrichten, gemeinsam wohnen, arbeiten und Natur erleben. Hätte es das Projekt schon vor 20 Jahren gegeben, „dann hätte ich sofort mitgemacht“, sagt sie, blickt über das Gelände, auf das sie nächstes Jahr ziehen will, und seufzt: „Diese Weite!“.

Zu ihrer künftigen Heimat gehört nicht nur der eigene Abschnitt im Gemeinschaftsgarten. Auf dem Gelände gibt es eine Imkerei, Obstbäume, einen Barfußpfad und sogar ein Schafstall. Wenn sie über das Stadtgut spricht, wird Else Schweizer euphorisch. Auf die Frage, wo es denn hier am schönsten sei, antwortet sie: „Überall.“ Angst, in der ländlichen Gegend etwas zu verpassen, hat sie nicht. „Wir schleppen die Kultur ja mit.“ Eine Oper habe man zwar nicht. Aber Kinoabende gibt es, Konzerte und Feste.

Viermal die Woche fährt sie raus, arbeitet im Garten. Den Weg – erst mit der U-Bahn, dann zweimal eine Viertelstunde mit dem Bus – empfindet sie als mühsam. Doch er ist es ihr wert, denn sie hilft gerne auf dem Stadtgut – ihrer künftigen Heimat. Die Wohnungen sind schon verteilt: „Das sind meine fünf Fenster“, sagt sie stolz, und zeigt auf das obere Stockwerk des Gebäudes, das noch baufällig aussieht. Sie wollte die Ostseite zum Hof hin, „wegen des Morgenlichts“. Über Alternativen, falls eines Tages doch das Geld nicht reicht, hat sie nicht nachgedacht. Sie kann sich auch vorstellen, hier noch zu leben, wenn sie bereits ein Pflegefall ist: „Aber nur, solange ich niemandem zur Last falle“, betont sie. Über ein Altersheim denkt sie vorerst nicht nach: „Ich will einen Ort, wo ich auch mal einen Johannisbeerstrauch pflanzen kann.“ Lea Hampel

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