Berlin : Ämter konnten den Tod nicht verhindern

Holger Wild

Hätte es verhindert werden können? Haben "die Ämter", haben die Nachbarn, hat irgendjemand etwas zu tun versäumt - mit der Folge, dass der zweijährige Alisan-Turan verdurstet ist? Wie berichtet, hatte die Polizei den Sohn einer 21-jährigen Russin am Sonnabend tot in der Wilmersdorfer Wohnung seiner Mutter aufgefunden; am Montag wurde die Frau bei einem Freund festgenommen. Sie hatte ihre Wohnung Ende November verlassen, den Sohn zurückgelassen und war nicht mehr wiedergekehrt.

Seine Behörde jedenfalls habe sich nichts vorzuwerfen, sagte der Jugendstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann (SPD), am Mittwoch. Die junge Mutter sei bis März 2001 vom Jugendamt Wedding betreut worden. Als der Junge im November 1999 geboren wurde, lebte die damals 19-jährige in einem Frauenhaus. Sie bekam "Hilfe zur Erziehung" vom Jugendaufbauwerk - eine Mutter-Kind-Unterbringung. Das Jugendaufbauwerk besorgte ihr auch die Wohnung in der Wetzlarer Straße 21 in Wilmersdorf, wo sie ebenfalls im November 1999 einzog. Doch da sie zum Zeitpunkt der Geburt im Wedding gemeldet war, blieb das dortige Jugendamt zunächst zuständig. Ein Sozialarbeiter des sozialpädagogischen Dienstes habe regelmäßig Kontakt zu der Frau gehabt. Doch im März 2001 wurde ihre Betreuung eingestellt. Sie sei auf einem guten Weg, zeige keine Auffälligkeiten, so nach Angaben Naumanns der damalige Eindruck der Beteiligten. Ihr Mietvertrag wurde in einen regulären umgewandelt, die Frau "in die Eigenständigkeit entlassen". Formal zuständig wurde nun, im April 2001, das Jugendamt Charlottenburg-Wilmersdorf, das aber keinen Kontakt mit der Frau mehr aufnahm. Sie sollte eben, so Naumann, als "ganz normale alleinerziehende Mutter" gelten und behandelt werden. Und von Problemen wurde nichts bekannt.

Mit der Frau hatte auch das Sozialamt in Wilmersdorf zu tun. Doch "schon vor mehreren Monaten", so die Sozialstadträtin Martina Schmiedhofer (Grüne), sei die Zahlung der Sozialhilfe eingestellt worden. Die Frau habe sich nicht mehr gemeldet und auf Briefe nicht reagiert. Während bei älteren Leuten das Sozialamt in solchen Fällen für gewöhnlich einen Mitarbeiter vorbeischicke, um mal nachzusehen, werde bei Jüngeren davon ausgegangen, dass sie die Hilfe einfach nicht mehr bräuchten oder wollten. Schmiedhofer sagte, ihre Mitarbeiter kennten ja viele Formen von Not und die Signale dafür, dass jemand Unterstützung benötige. Doch dass eine Mutter einfach so ihr Kind alleine und verhungern lässt - das könne man sich doch nicht vorstellen, "darauf ist keine Behörde eingestellt".

Noch im November - da lebte der Junge nach Aussage der Mutter noch - hatte allerdings ein Sozialarbeiter der Wohnungsunternehmens Gehag mehrfach versucht, mit der Frau zu sprechen. Sie hatte seit Sommer die Miete nicht mehr bezahlt. Die fristlose Kündigung war bereits ausgesprochen, der Sozialarbeiter sollte nach Gehag-Angaben jedoch versuchen, diese noch einmal abzuwenden. Allein - er stand immer vor verschlossener Tür.

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