Ärger im Prenzlauer Berg : Die Stimmung zieht sich zu

Nach der Wende wollten alle nach Prenzlauer Berg ziehen. Doch jetzt brechen unter den Bewohnern zunehmend Konflikte auf. Streit gibt es zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen, Singles und Familien, Schwaben und Preußen, Reichen und Linken.

Nana Heymann
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Eine Frage des Lebensstils. In Prenzlauer Berg sind selbst die Spielplätze trendig. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Als die Zukunft über ihre kleinen Füße stolpert, hallt ein Schrei über den Helmholtzplatz. Die Gegenwart sitzt wenige Meter entfernt im Straßencafé und blickt genervt auf. Schräg gegenüber, mitten auf dem Helmholtzplatz, schlurft die Vergangenheit mit zerschlissener Kleidung an den Mülleimern vorbei, auf der Suche nach Pfandflaschen.

Was wirkt wie die klischeehafte Versuchsanordnung von Soziologen, die herausfinden wollen, was passiert, wenn Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit aufeinanderprallen, ist Alltag am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg. Nirgendwo sonst hat sich der Ostteil der Stadt so gewandelt wie hier. Da, wo zur Wende die Häuser der einstigen Querdenker und Unangepassten fast in sich zusammenbrachen, leuchtet es heute in sanften Pastelltönen. Die Unangepassten sind fast alle weggezogen, die paar, die noch geblieben sind, sind entweder alt oder arm oder beides zugleich. In manchen Vierteln fand in den letzten 20 Jahren ein Bevölkerungsaustausch von bis zu 80 Prozent statt.

Gentrifizierung nennen Soziologen diese sozialen Veränderungen, ein Begriff, der sperrig klingt und der so kaltherzig und emotionslos zu sein scheint wie der Prozess, den er bezeichnet. Erhitzen tut er die Gemüter der Beteiligten dennoch. Vor einiger Zeit wetterten die vermeintlich Alteingesessenen, die in Wahrheit selbst erst Anfang der 90er Jahre aus dem Westen des Landes hierherkamen, gegen „die Schwaben“. Die kamen nach der Jahrtausendwende und machten ihnen mit einem Mal das Revier streitig.

Als unverschämt und spießig bezeichnet der Soziologe Hartmut Häußermann diese Auseinandersetzungen. Er ist selbst Schwabe und lebt seit den 90er Jahren in Prenzlauer Berg. 2002 veröffentlichte er ein Buch über die Veränderungen des Bezirks, „Stadterneuerung in der Berliner Republik. Beispiel Prenzlauer Berg“. Vor sieben Jahren gab es die Wut der früher Zugezogenen auf „die Schwaben“ noch nicht, und auch nicht den Konflikt zwischen Eltern und Kinderlosen, der neuerdings schwelt. Vielleicht ist es daher an der Zeit, dass Hartmut Häußermann ein neues Buch über diese neue Entwicklung schreibt.

Dafür könnte er sich zum Beispiel mal mit Johanna R., 31, unterhalten, die gerade auf dem Helmholtzplatz steht und ihre Tochter, die unbeholfen der Länge nach hingefallen ist, wieder auf die Füße stellt. Johanna R. holt ein Taschentuch hervor und wischt ihr den Schnodder unter der Nase weg. Dann schiebt sie ihr den Schnuller in den Mund, damit sie bloß nicht mehr schreit, denn Johanna will sich nicht schon wieder unbeliebt machen. Sie hat genug von den vorwurfsvollen Blicken der Kinderlosen.

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Pregnancy Hill - darüber können Mütter nicht mehr lachen. Und die anderen auch nicht. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Was für ein Vorwurf das ist, weiß Johanna R. nicht so genau. Dass sie sich für ein neues Leben mit Mann und Kind entschieden hat? Dass sie nachts nicht mehr zum Tanzen ausgeht? Dass sie ihre Tage nicht mehr totschlägt in einem der vielen Cafés? Johanna R. fühlt sich mitunter wie jemand, der sein altes Leben verraten hat und der nun dafür büßen muss. Zum Beispiel, als sie sich vor kurzem mit einer Freundin in einem Café verabredet hatte, an dessen Tür nun ein Schild klebte, das die „lieben Eltern“ dazu aufforderte, ihren Kinderwagen doch bitte draußen zu lassen. Aber weil es regnete, ging das nicht, und deshalb musste sie das Kaffeetrinken vertagen. Oder neulich, als ihr beim Spazierengehen mit der Tochter ein Mann entgegen kam und ihr vorwarf, dass sie sich wohl extra für den Spielplatz aufgebrezelt habe. Johanna war sprachlos.

Als Johanna R. vor drei Jahren mit ihrem Freund an den Helmholtzplatz zog, schien das für sie der perfekte Ort zu sein, um eine Familie zu gründen. Sie mochte die vielen kleinen Cafés und Boutiquen, die Menschen hier waren jung wie sie, Ende 20, Anfang 30, einige von ihnen hatten sogar schon Kinder. Mit ihrem Umzug glaubte Johanna R. alles richtig gemacht zu haben. Und doch ist sie nicht immer glücklich hier. Wenn sie zum Beispiel wieder mit jemandem aneinandergerät, der ihr Babyschwemme und Kinderwagenterror vorwirft und Prenzlauer Berg als „Pregnancy Hill“ bezeichnet. Dann will Johanna R. eigentlich nur noch weg.

Michael F., 29, will manchmal auch nur noch weg aus Prenzlauer Berg. Insbesondere dann, wenn ihm wieder mal „ein Rudel Mütter“ entgegenkommt. Ihm den Weg versperrt mit dem 1000 Euro teuren Kinderwagen und auch sonst von einer raumgreifenden Präsenz ist. Die Attitüde dieser Prenzlauer-Berg-Mütter ist das, was ihn am meisten stört, sagt er. Deren Glaube, mit der Entscheidung für ein Kind ein ganzes Land vor dem demografischen und kulturellen Untergang gerettet zu haben. Mit Kinderyoga, Bio-Nahrung, Öko-Stramplern und garantiert weichmacherfreiem Holzspielzeug. Diese Mütter würden ihren Nachwuchs zu ihrem Lebensmittelpunkt erklären – und zu dem ihrer Umwelt gleich mit. Frauen, die im Glauben leben, alles richtig zu machen und dabei „so merkwürdig angestrengt und unentspannt wirken“.

Wenn man Michael F. so reden hört, glaubt man, er sei ein notorischer Kinderhasser. Das stimmt nicht, sagt er, denn mit der richtigen Frau würde er gerne selbst Kinder haben, am liebsten drei. Tatsächlich ist die Babyflut in Prenzlauer Berg ein Mythos. Auf 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren kommen pro Jahr 35 Kinder zur Welt, das ist weniger als in Neukölln, Wedding oder Kreuzberg. Dass Wahrnehmung und Straßenbild dieser Statistik zu widersprechen scheinen, erklärt Häußermann mit der Altersstruktur. In Prenzlauer Berg würden auffällig viele junge Menschen leben, die halt irgendwann Kinder bekommen.

Ein weiteres Kapitel seines neuen Buches könnte Soziologe Häußermann jenen Bewohnern widmen, die derzeit mit Brandanschlägen und Stinkbomben für einen lebenswerten Kiez kämpfen. Die linke Szene hat nicht die Mütter, sondern vor allem die Gutverdiener im Visier. Seit Monaten gehen in den Straßen nachts teure Autos in Flammen auf. Und nachdem kürzlich auf mehrere vermeintliche Yuppie-Cafés und Nobelrestaurants in Friedrichshain übelriechende Anschläge verübt worden waren, schlafen auch die Wirte am Kollwitzplatz unruhiger.

Der Soziologe Andrej Holm, der zur Stadterneuerung in den 90er Jahren in Ost-Berlin ein Buch veröffentlichte, interpretiert die Konflikte zwischen den Bewohnern als „Nutzungskonflikt des Stadtraums“. Schon die neuen Gewerbestrukturen würden Interessenskonflikte widerspiegeln. In Gegenden wie der Oderberger Straße oder der Kastanienallee würden Bürgerinitiativen Widerstand gegen städtebauliche Vorhaben organisieren, um ihre alte Infrastruktur zu schützen. Häußermann hingegen sieht in dem Streit einen Konflikt der Lebensstile. Er hat etwas mit der Frage nach dem richtigen Leben zu tun und mit dem Anspruch auf Deutungshoheit und Meinungsführerschaft.

Was die Zukunft des Bezirks betrifft, sind sich die Soziologen uneinig. Andrej Holm glaubt, dass die Generation der neuen Bewohner mit sicheren Einkommen hierbleiben will und deshalb ihren eigenen Gestaltungswillen einbringen wird – was zu wieder neuen Konflikten führt. Hartmut Häußermann glaubt hingegen, dass genau diese Bewohner ins Umland abwandern werden. Dass aus Prenzlauer Berg je ein Bezirk der Reichen wird, ein innerstädtisches Dahlem, hält er für undenkbar – allein schon wegen der Baustruktur. In Prenzlauer Berg gebe es kaum geeignet große Wohnungen für die Luxusklasse. Wie die Konflikte zwischen den verschiedenen Interessengruppen zu lösen sind? Indem man preiswerten Wohnraum sichert, in den der Staat investieren sollte.

Das tut er aber nicht, zumindest nicht in Prenzlauer Berg. Deshalb sollten sich Menschen wie Johanna R. und Michael F. vielleicht mal zusammensetzen. Vielleicht in einem der Cafés rund um den Helmholtzplatz – selbst wenn das Kind gerade mal quengelt und an den Nebentischen Schwaben, Yuppies und Bürgerbewegte sitzen. Irgendwo ist bestimmt ein Platz frei.

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