Ärgernis Nahverkehr : S-Bahn will pünktlicher werden

Passagiere der S-Bahn klagen über Unpünktlichkeit, überfüllte Züge und schlechten Service. Der Senat hat mit Konsequenzen gedroht. Jetzt hat die S-Bahn ein Einsehen.

Klaus Kurpjuweit
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Bitte zügig. Die S-Bahn will besser werden.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Drohung hat gewirkt: Kaum hatte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) klargemacht, dass der Senat der S-Bahn Geld streichen werde, wenn die Züge nicht wieder pünktlicher fahren, legte S-Bahn-Chef Tobias Heinemann ihr ein Paket mit „Qualitätsmaßnahmen“ vor. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der S-Bahn, des Senats und des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) soll jetzt prüfen, welche Überlegungen umgesetzt werden können. Wie berichtet, kamen vor allem im September und Oktober mehr als die vertraglich zulässigen vier Prozent aller Züge zu spät.

Züge nach Schönefeld haben Vorrang

Unter anderem wird nun erwogen, Linien wie die S 9 (Flughafen Schönefeld– Spandau) bevorzugt abzufertigen. Die Linie ist wegen Bauarbeiten zwischen Baumschulenweg und Adlershof extrem verspätungsanfällig. Die bevorzugte Abfertigung würde dazu führen, dass ein Zug der S 9 den Bahnhof immer als erster verlassen kann – auch wenn auf dem Gegengleis ein anderer Zug eher dran wäre.

Grundsätzlich sollen die Baustellenfahrpläne „optimiert“ werden. Zudem soll geprüft werden, ob auf eingleisigen Strecken die Begegnung von Zügen, die nur an wenigen zweigleisigen Abschnitten möglich ist, auf andere Ausweichstellen verlegt werden können, wenn dadurch der Fahrplan besser eingehalten werden kann. Die S-Bahn nutzt dazu schon jetzt fast jede Möglichkeit und schickt etwa am Güterbahnhof Reinickendorf Züge auch aufs Gütergleis. Zudem könnte insgesamt der Fahrplan „angepasst“ werden.

Nicht schneller aus Tempo 80

Die einfachste Möglichkeit, pünktlich zu fahren, lässt sich derzeit jedoch nicht verwirklichen: Früher konnten die Fahrer die modernen Züge auf Tempo 100 beschleunigen und so Verspätungen ausgleichen; doch derzeit ist bei 80 Kilometern pro Stunde Schluss. Brems- und Signalprobleme haben dazu geführt, dass die Züge nicht mehr mit vollem Tempo fahren dürfen. Verspätungen lassen sich deshalb nicht mehr durch schnelleres Fahren ausgleichen. Erst nach einem Umbau der Wagen darf wieder Tempo 100 gefahren werden – frühestens im nächsten Jahr.

Die Werkstätten sind ausgelastet, auch weil die S-Bahn Standorte wie Friedrichsfelde geschlossen und Stellen gestrichen hat. Zudem müssen die Mitarbeiter derzeit vorrangig die Achsen der neuesten Baureihe 481 statt nach 120 000 Kilometern bereits nach 60 000 Kilometern prüfen, um auszuschließen, dass sie brechen. Sie sind aus einem ähnlichen Material wie bei den ICE-Zügen der Bahn, wo ein Zug nach einem Achsenbruch entgleist war.

Hausgemacht sind zum großen Teil auch die Unpünktlichkeiten auf der Ringbahn, die Junge-Reyer besonders stören. Dort lässt die S-Bahn auch bei großem Andrang gegenwärtig nur Züge mit sechs statt mit den möglichen acht Waggons fahren. Für Fahrgäste gibt es nicht nur weniger Platz, sondern auch weniger Türen zum Ein- und Aussteigen, was den Aufenthalt in den Bahnhöfen verlängere, wie Christfried Tschepe vom Fahrgastverband Igeb bemängelt.

Längere Züge kann die S-Bahn aber nicht einsetzen, weil sie dafür nach mehreren Verschrottungsaktionen zu wenig Fahrzeuge hat. Sie musste sogar weitere Züge kürzen, um die Achsen schnell prüfen zu können. Zudem sind 18 sogenannte Viertelzüge, die aus zwei Wagen bestehen, außer Betrieb, weil sie Risse im Fußboden haben. Sie sollen jetzt schnell repariert werden.

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