Berlin : Ärzte allein im Krankenhaus

An der Charité treten Schwestern und Pfleger in einen Warnstreik, OPs werden verschoben, weitere Ausstände drohen

Hannes Heine/Christoph Spangenberg
Mit Ratsche und Fahne. Schwestern protestierten vor der Charité. Foto: dpa
Mit Ratsche und Fahne. Schwestern protestierten vor der Charité. Foto: dpaFoto: dpa

Ursprünglich soll Sandra Schmidt aus Neukölln wegen ihrer Mandeln am Dienstagmorgen in der Charité auf dem OP-Tisch liegen. Doch auch im Virchow-Klinikum in Wedding sind Schwestern, Pfleger und Techniker im Warnstreik. Die Gewerkschaft Verdi hatte von 6 bis 18 Uhr an allen drei Standorten der Universitätsklinik in Wedding, Steglitz und Mitte dazu aufgerufen, stundenweise die Arbeit niederzulegen: Pro Schicht protestiert jeweils nur ein kleiner Teil der Belegschaft, damit die Notfallversorgung gewährleistet bleibt. Vor dem Virchow-Klinikum stehen rund 150 Streikende, schwenken Fahnen, Radiohits scheppern aus Lautsprechern.

Drinnen warten Patienten, von denen viele dennoch Verständnis haben. Sandra Schmidt ist zwar sauer – ihr OP-Termin wird verschoben – findet aber, Pfleger verdienen zu wenig. Auch vor dem Charité-Bettenturm in Mitte versammeln sich Streikende. Ein junger Mann wartet nebenan in der Notaufnahme, er sieht so aus, als säße er nicht das erste Mal dort. „Für das Geld würde ich auch nicht als Pfleger arbeiten“, sagt der Jugendliche – gemeint sind die 2500 Euro brutto, die eine Charité-Schwester nach zehn Dienstjahren für ihren Schichtdienst bekommt. Der bundesweite Tarif für öffentliche Kliniken sieht 300 Euro mehr vor. Und so fordert Verdi für die 10 000 Pfleger, Schwestern, Reinigungskräfte und Techniker auch 300 Euro mehr pro Beschäftigtem. Rund 2000 Kollegen beteiligen sich im Laufe des Dienstags an dem Ausstand. Ärzte berichten, dass bereits am Vorabend viele Termine gestrichen wurden, als der Warnstreik bekannt gegeben wurde. Eine Ärztin klagt, Krankentransporte seien nur noch eingeschränkt möglich. „Ich muss den OP-Tisch selbst aufbauen“, sagt ein Chirurg. Eine Station weiter bekommt eine 28-Jährige die Chemotherapie vom Arzt, sonst macht das eine Schwester. Auch der sieben Monate alte Kilian soll am Dienstag operiert werden. Nun muss er bis Freitag warten. Sein Vater ist wütend: „Wir haben uns lange auf den Tag vorbereitet und sind extra aus Wolfsburg angereist. Ich habe mir freigenommen.“ Streik müsse manchmal sein – dann aber mit Vorankündigung.

Allerdings berichten Patienten auch von reibungslosen Abläufen. Eine Kliniksprecherin äußerte sich nicht zu konkreten Ausfällen: „Einzelne, nicht dringliche Behandlungen wurden verschoben.“

Charité-Chef Karl Max Einhäupl zeigt Verständnis für die Aktion. „Die Streikenden haben ein Recht auf höhere Löhne, woanders wird auch mehr gezahlt, aber die Charité hat derzeit keine Spielräume“, sagt der Krankenhausvorstandsvorsitzende dem Tagesspiegel. Die Klinik ist verschuldet. Erst kürzlich hatte der Aufsichtsrat der Klinik nach langem Streit dem Wirtschaftsplan für das laufende Jahr zugestimmt. Finanzsenator und Aufsichtsratmitglied Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) hatte die Charité zuvor auf einen ausgeglichenen Haushalt verpflichtet.

Verdi will nicht nachgeben: Wenn die Klinik beim Tarifgespräch diesen Mittwoch nicht entgegen komme, sei bald mit weiteren Ausständen zu rechnen.

Hannes Heine/Christoph Spangenberg

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