Berlin : Ärzte-Demo: Der Kassen-Liebling: jung und chronisch gesund

Sabine Beikler

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin sieht einen Hauptgrund für die schlechte finanzielle Situation vieler Berliner Ärzte in den immer geringer werdenden Krankenkassenbeiträgen, die auf die niedergelassenen Mediziner verteilt werden. Im ersten Quartal 2000 ging nach KV-Angaben das Honorarvolumen von 467 Millionen Mark (erstes Quartal 1999) auf 446 Millionen Mark zurück. "Für die Vergütung von rund 6200 Vertragsärzten standen 21 Millionen Mark weniger zur Verfügung", sagte KV-Chef Manfred Richter-Reichhelm. Dass immer weniger Geld von den Krankenkassen in den Topf einbezahlt wird, liegt in dem Mitgliederwechsel von gut zahlenden Kassen zu so genannten Billigkassen, die in der Regel auch eine geringere Kopfpauschale abführen. Diese Kopfpauschale wurde Anfang der neunziger Jahre durch das Kostenstrukturgesetz unter dem damaligen CSU-Gesundheitsminister Horst Seehofer eingeführt. Die Höhe der Pauschale wird nach Geschlecht und Alter der jeweiligen Mitglieder einer Krankenkasse berechnet. Nach der Einführung der freien Kassenwahl 1996 traten die Kassen auch untereinander in Konkurrenz. Die Folge: Viele neue Kassen lockten Mitglieder mit billigen Beiträgen, suchten sich allerdings auch ihre Klientel aus: jung und nicht chronisch krank. Dementsprechend niedrig ist auch die Kopfpauschale dieser Kassen: Sie schwankt zwischen 460 und 600 Mark. Der "Mitgliederrest" blieb in den Primärkassen (früher waren das die Pflichtkassen für Arbeiter) wie AOK, IKK und BKK und in den Ersatzkassen wie zum Beispiel TK, DAK, BEK oder KKH. Die AOK Berlin zahlte zum Beispiel 1999 eine Kopfpauschale von 746 Mark, die BEK 1022 Mark, die TK 853 Mark und die DAK 980 Mark. Diese Kopfpauschalen können jedoch nicht so einfach erhöht werden: Im Gesundheitsreformgesetz der rot-grünen Regierung von diesem Jahr wurde festgelegt, dass diese Pauschale nur um den durchschnittlichen Lohnanstieg in Deutschland erhöht werden darf. Nach KV-Angaben sind das in diesem Jahr rund 1,46 Prozent. Auf Bundesebene wird nun eine Änderung des Risikostrukturausgleichs angestrebt. Demnach soll die Höhe der Pauschale nicht nur nach Geschlecht und Alter, sondern auch nach dem Gesundheitszustand des Kassenmitglieds festgelegt werden. Eine Entscheidung über einen veränderten Modus operandi hat das Bundesgesundheitsministerium noch nicht getroffen.

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