Berlin : "Ärzte ohne Grenzen"?: Wer wird Nachfolger der MSF bei der Verleihung

Jeannette Goddar

Wenn das Komitee für die Verleihung des Friedensnobelpreises heute in Stockholm vor die Presse geht, werden am Köllnischen Park in Mitte sämtliche Transistorradios laut gestellt: "Ich bin unglaublich gespannt", sagt Ulrike von Pilar, Geschäftsführerin der "Ärzte ohne Grenzen" (MSF). Allerdings nicht ganz so gespannt wie im vergangenen Jahr, als die Ärzteorganisation zwar nominiert war, die Preisverleihung aber dennoch sehr überraschend kam. Für die meisten Anwärter, so von Pilar, sei die Verleihung eines Friedensnobelpreises nämlich nicht nur eine enorme Ehre, sondern auch von unschätzbarem Wert.

In der deutschen Zentrale der Ärzte ohne Grenzen, die erst vor zwei Monaten von Bonn nach Berlin verlegt wurde, macht man kein Hehl daraus, wie sehr man von dem Preis profitiert hat: Gerade in Deutschland habe der Stellenwert humanitärer Hilfe in Krisen und Konflikten im Bewusstsein der Öffentlichkeit enorm Auftrieb erhalten, sagt von Pilar. Immer häufiger werde MSF zu Tagungen, Kongressen und Anhörungen geladen, um ihren Standpunkt, in jedem Fall unabhängig von Regierungen und Militärbündnissen vor Ort zu arbeiten, darzulegen. Last but not least habe auch das Spendenaufkommen insbesondere letztes Jahr zur Weihnachtszeit enorm zugenommen.

Die mit dem Nobelpreis verbundene Summe von 940 000 Euro wurde in einen Fonds zur Erforschung vernachlässigter Krankheiten wie Malaria und Schlafkrankheit investiert.

An den Schwerpunkten der Arbeit von MSF hat sich im vergangenen Jahr nichts geändert: Immer noch sind die Ärzte, Schwestern und Logistiker in von Naturkatastrophen betroffenen Gebieten wie Mocambique im Einsatz, aber auch in Krisenregionen, in denen oft kaum eine andere Organisation tätig ist: in Sierra Leone, Angola und Kongo. In Sierra Leone wurde Ende vergangenen Jahres ein MSF-Mitarbeiter vorübergehend entführt.

Wie bereits in einigen anderen Fällen zuvor versuchte die Organisation auch diesmal, die Entführung nicht publik zu machen. In der Regel sei es gerade für eine politisch labile Region wenig hilfreich, "wenn plötzlich alle über sie reden, weil dort Leute aus dem Westen entführt wurden", so von Pilar. Dazu komme, dass man auch den Entführten damit keinen Gefallen tue, sie den Medien preiszugeben.

Andererseits ist es eins der erklärten Ziele von MSF, die zahllosen vernachlässigten Krisengebiete in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Im Falle von Naturkatastrophen, konstatiert von Pilar nüchtern, sei die Bereitschaft zu helfen in der Regel sehr groß - "aber sobald irgendwo Krieg herrscht, wollen viele davon lieber nichts hören". Auch Länder wie Sierra Leone oder Angola, wo jährlich Tausende verfolgt und massakriert würden, seien aber dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.

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