Berlin : Ärzte ohne Grenzen

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Am 1. Mai waren sie ja nicht zu beneiden, am Freitagabend dagegen schon: die Anwohner des Mariannenplatzes. Sie hatten sie die besten Plätze für die beste Sicht auf die (nach eigenen Angaben) beste Band der Welt aus Berlin. „15 Jahre netto“ feierten „Die Ärzte“ und versprachen ihren Fans dafür drei Stunden Musik brutto - für sieben Euro. Das Konzert war seit Wochen ausverkauft. 30 000 versammelten sich auf dem Mariannenplatz. Doch auch wer keine Karte mehr ergattern konnte, kam voll auf seine Kosten. Dank der großen Leinwand hinter der Bühne waren die Gewinner des Senats-Rockwettbewerbes von 1984 auch in den Seitenstraßen bestens zu sehen. Und überhören kann man „Die Ärzte“ bekannterweise sowieso schwerlich.

Die Anwohner teilen ihre Logenplätze gern. Neidisch betrachten einige Kartenlose den Fassadenkletterer in der Muskauer Straße, der es sich auf dem Hochparterre-Fensterbrett gemütlich gemacht hat. Von innen öffnet eine Frau in Kittelschürze. Man unterhält sich, teilt sich eine Dose Bier. Einige Kinder betrachten das Geschehen von den Telefonzellen aus, auf die sie von ihren Eltern gesetzt wurden.

Stunde um Stunde rocken der düstere Bela, der geistreiche Farin und der smarte Rod, lassen auch die alten Hits wie „Teenagerliebe“ und „Gwendolyne“ nicht aus. Hinter und auch vor dem Absperrzaun tanzt man, singt laut mit und erinnert sich an Klassenfahrten aus der längst vergangenen Schulzeit. Gerüchte, wonach Autonome das Konzert stürmen wollten, blieben unbestätigt. Die wollten das Konzert stören, weil die Ärzte als einzige Band Geld fürs Zuhören verlangten, während alle anderen Bands auf der Fête de la Musique kostenlos spielten.

Nach zwei Stunden gingen die ersten Fans. Vielleicht waren drei Stunden Ärzte für alle, deren Schulzeit mindestens zehn Jahre zurückliegt, doch zu viel. Oder sie hielten es nicht mehr aus, weil am Freitagabend zur Fête noch viele andere Bands auf 60 weiteren Bühnen zur besten Band der Welt werden wollten. akl

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