Berlin : Ärzte ohne Grenzen

Den Backenzahn richten lassen oder die Nase – niedrige Preise locken immer mehr deutsche Patienten ins Ausland. Ein Berliner Unternehmer bietet sogar Pakete an: Urlaub und Arztbesuch. Lohnt sich Medizintourismus?

Björn Rosen

Der Familienurlaub der Zukunft könnte heilsam sein, aber nicht unbedingt das pure Vergnügen. Während Papa neue Kronen beim Zahnarzt bekommt, kuriert Mutter ihre Bänderdehnung, und die Tochter verliert derweil beim Augenlasern einige Dioptrien. Erst am Abend trifft man sich im Hotel, am nächsten Tag steht vielleicht eine Stadtbesichtigung auf dem Programm. Glaubt man Roland Rose, der mit seinem Berliner Unternehmen „Zahnarzt-Planet“ Patienten nach Osteuropa verschickt, dann ist solches Paket aus Erholung und Arztbesuch der Ferientrend der nächsten Jahre. Denn in ausländischen Arztpraxen liegen die Kosten oft deutlich unter denen in Deutschland.

Bisher wagen sich die Deutschen vor allem über die Landesgrenzen, wenn es um ihre Zähne geht; beim Zahnersatz lässt sich viel sparen. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen seit dem vergangenen Jahr nur noch Festzuschüsse, also Pauschalen, egal, wie aufwändig die Operation letztendlich wird – und die Mehrkosten muss der Patient tragen.

Für viele heißt die Lösung dann Osteuropa. In den neuen EU-Ländern sind die Zahnärzte wegen niedrigerer Löhne und Laborkosten oft so billig, dass die Zuzahlung verschwindend gering ist oder jedenfalls kleiner ausfällt als in Deutschland. „Ein komplettes Zahnimplantat mit Aufbau kostet hier zu Lande bis zu 2000 Euro oder sogar mehr, in Polen oder Ungarn aber nur zwischen 850 und 1200 Euro“, sagt Roland Rose. Sein „Zahnarzt-Planet“, den es seit dreieinhalb Jahren gibt, ist eine Vermittlungsagentur, wobei es aber nicht die deutschen Kunden sind, die Vermittlungsgebühren zahlen, sondern die Ärzte, an die er Patienten vermittelt. Derzeit hat Rose zehn Zahnmediziner in Polen, Ungarn und Tschechien unter Vertrag. Er stellt nicht nur den Kontakt zu den Ärzten her, sondern organisiert auch den Transport vom Flughafen zum Hotel, die Übernachtung und das Besichtigungsprogramm vor Ort. Er sagt, im vergangenen Jahr habe es rund 4000 Anfragen gegeben, das seien 150 Prozent mehr im Vergleich zu 2004.

Die Kunden kämen vor allem aus Süddeutschland und Österreich, weil man von dort schnell Richtung Ungarn fliegen könne, sagt Rose. Aber auch in Berlin habe das Interesse der Leute stark zugenommen. Nun will er seine Geschäftsidee ausbauen. Die Kooperation mit einer Budapester Augenklinik zur Laserbehandlung ist schon perfekt. Hinzu kommt die Schönheitschirurgie.

Für Schönheitsoperationen und Augenlasersitzungen zahlen die Kassen natürlich nicht. Für „notwendige“ ambulante Behandlungen in der EU müssen sie aber laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs aufkommen. Der Patient braucht nicht einmal eine Genehmigung einzuholen. Nur bei aufwändigen, nicht-ambulanten Korrekturen wie Zahnimplantaten muss man vorher einen Heil- und Kostenplan einreichen. Erst wenn der abgesegnet ist, gibt es sicher Geld. Roses Zahnärzte in Polen oder Ungarn liefern den Plan so, wie er in Deutschland verlangt wird – brauchen dafür aber die Voruntersuchungen eines deutschen Kollegen, um den Eingriff einschätzen zu können. Aber selbst das wird sich wohl ändern. Rose arbeitet an einer Kooperation mit mehreren Fluglinien, die die Kunden besonders billig zu einer schnellen Voruntersuchung fliegen sollen.

Natürlich können sich Zahntouristen ihren Arzt im Ausland auch auf eigene Faust suchen. Die Sparmöglichkeiten sind dann noch größer – Aufwand und Risiko aber auch. So müsse die Garantiezeit mit den Zahnärzten selbst ausgehandelt werden, warnt die Stiftung Warentest. Wichtig ist außerdem: Für Behandlungen in Nicht-EU-Staaten wie Thailand zahlen die Kassen keinen Cent.

In Thailand wurden anfangs vor allem Geschlechtsumwandlungen angeboten, später Schönheitsoperationen, heute kann man in den oft luxuriösen Kliniken für niedrige Preise fast alles machen lassen, vom Bypass bis zur Lebertransplantation. Auch Kuba spezialisiert sich zunehmend auf den Medizintourismus; das Land ist bekannt für Hilfe bei Allergien, Augen- und Haut-, aber auch Nerven- und Gehirnerkrankungen.

Der Vorteil am Medizintourismus innerhalb der EU – viele Ärzte sind mittlerweile auf deutschsprachige Patienten eingestellt. In der Türkei zum Beispiel, aber auch in Ungarn. So haben sich viele Mediziner gleich an der Grenze zu Österreich niedergelassen. Die Stadt Sobron etwa ist ein bekanntes Ziel für Zahntouristen. „Landesweit gibt es bei uns in fast allen Vier- und Fünf-Sterne-Hotels Zahnärzte und Schönheitschirurgen“, sagt Zsófia Madko vom Ungarischen Fremdenverkehrsamt.

Aber lohnt es sich, nur für den Arztbesuch ins Ausland zu fahren? Die Stiftung Warentest hat im vergangenen Jahr 30 Arztpraxen vergleichend auf ihre Kompetenz in Sachen Zahnersatz untersucht, darunter auch einige in Polen. Für den Test schickte die Stiftung drei Versuchspersonen los. Gutachter hatten für jeden vorher eine „Musterlösung“ erstellt. Am Ende wurden die Angebote der Praxen mit dieser Lösung verglichen. Überraschend: Nicht immer waren die Kostenvoranschläge aus Polen bedeutend günstiger. Insgesamt schwankten die Angebote stark in Qualität und Preis – in Deutschland genauso wie im Nachbarland. Anke Scheiber, die die Untersuchung leitete, empfiehlt: „Patienten sollten bereit sein, mehrere Praxen in Deutschland aufzusuchen und dann die Heil- und Kostenpläne zu vergleichen.“ Ein Besuch in Polen würde sich meist nur für Menschen lohnen, die in Grenznähe leben. „Ich rate sehr von Eintagsausflügen ab“, sagt Scheiber. „Es ist wichtig, sich Zeit für die Vorbereitung zu nehmen. Was für einen Eindruck hat man von der Praxis? Spricht der Arzt Deutsch? Wie wird mit einem umgegangen?“

Einen anderen, völlig neuen Weg geht die AOK Brandenburg. Sie hat einen bisher einzigartigen Vertrag mit dem polnischen Unternehmen Medpolska geschlossen. Die Kasse schickt ihre Versicherten auf Anfrage über die Grenze, nach Stettin oder Slubice. Dort können die AOK-Kunden ihren Zahnersatz zu deutlich niedrigeren Preisen bekommen – bei deutschsprachigen Ärzten und „nach deutschen Qualitätsstandards“, betont AOK-Sprecher Jörg Trinogga. Sieben Ärzte und ein Labor gehören zur Kooperation. Der Aufwand für die Patienten ist gering, weil alles zentral über die AOK abgewickelt wird. So müssen sie zum Beispiel, anders als bei „Zahnarzt-Planet“, nicht in Vorkasse gehen. Die Fahrtkosten zahlt aber jeder selbst. Man betrachte das Angebot als zusätzlichen Service, sagt der AOK-Sprecher. Die Resonanz falle eher verhalten aus. Etwa 160 Versicherte haben die Möglichkeit bisher wahrgenommen.

Brandenburgs Kassenzahnärztliche Vereinigung ist von dem Angebot natürlich wenig begeistert. Dennoch dürfte das Modell Nachahmer finden. Die AOK Berlin will zwar keine Details nennen. Laut einem Sprecher ist sie aber, was kostengünstige Behandlungen im Ausland anbetrifft, „in Gesprächen“. Und die Berliner City-BBK empfiehlt ihren Versicherten seit neuestem auf Nachfrage die Firma „Zahnarzt-Planet“. Auch hier ist das Interesse überschaubar.

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