Berlin : Ärzte-Streik: Von 20 000 Mark bleiben unterm Strich weniger als 5000 Mark

Christine-Felice Röhrs

Angelika Prehn war enttäuscht. "Patienten fragen, Ärzte antworten" war das Motto der Veranstaltung, für die sich die Allgemeinärztin gestern morgen im Haus der Kassenärztlichen Vereinigung auf das Podium gesetzt hatte. Allein - nur zwei Patienten ließen sich blicken.

Initiiert vom Aktionsrat der Berliner Kassenärzte hatten Prehn und andere, wie zum Beispiel der Vizepräsident der Berliner Ärztekammer Elmar Wille, über die einwöchigen Ärzteproteste gegen die Budgetkürzungen informieren wollen. Bis gestern, Tag vier, war ein großer Teil der Berliner Praxen geschlossen geblieben. Von den 6300 niedergelassenen Ärzten beteiligten sich 3100 am Streik. Vor den Hauptgeschäftsstellen der IKK Berlin-Brandenburg hielten 120 Ärzte Mahnwachen. Erst am Montag sollen die Praxen wieder regulär geöffent werden. Bei den Bereitschaftsdiensten und in den Kliniken mussten die Patienten in den vergangenen Tagen lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Weniger Geld, mehr Arbeit

Gerne hätte Angelika Prehn öffentlich über ein "Vorurteil" diskutiert, das ihr in den vergangenen Tagen schon häufiger untergekommen war. "Weil wir jetzt über sinkende Umsätze klagen, haben mir Patienten gsagt, dass wir nun wirklich genug Geld verdienen. Denen hätte ich gerne mal einen Blick in ein Arztleben ermöglicht. Ich habe im Monat auch nicht mehr als 4000 bis 6000 Mark netto", erklärte die Ärztin energisch. Dafür halte sie ihre Praxis von morgens 7.30 Uhr bis abends 18.30 Uhr offen, fahre für Hausbesuche quer durch die Stadt und behandele häufig genug auch am Wochenende jene Patienten, die privat bei ihr um Hilfe nachsuchen.

1991 hatte sich die 54jährige mit einer Kollegin in Friedrichshain niedergelassen. Die Doppelpraxis läuft wie geschmiert - überdurchschnittliche 1000 Patienten behandelt Prehn pro Quartal, ihre Kollegin steuert fast ebenso viele bei. Damit erwirtschaftet das Duo rund 120 000 Mark in drei Monaten, "manchmal sind es auch nur 100 000". Seit mit Jahresbeginn die neuen Berechnungsgrundlagen eingeführt worden sind, fehlen der Ärztin schon rund 2500 Mark pro Monat in der Kasse. "Jetzt rechnen Sie mal", fordert sie dann: Aus dem Dreimonatsumsatz der Kolleginnen ergibt sich ein Umsatz von 20 000 Mark pro Ärztin im Monat. Allein für die Personalkosten - Prehn und ihre Partnerin teilen sich eine Vollzeitsprechstundenhilfe, eine Sechs-Stunden-Hilfe, eine Ärztin im Jobsharing, eine behinderte Angestellte auf 620-Mark-Basis, eine Azubi und eine Putzfrau - bezahlt jede Ärztin 7500 Mark pro Monat. Für die Praxismiete gehen weitere 1250 Mark pro Partnerin drauf. Software und Wartung des Computersystems schlagen im Monat durchschnittlich mit 75 Mark zu Buche. 1500 Mark errechnet die Hausärztin für Versicherungen, wie die eigene Kranken- und Renten-, die Praxis-, Auto- und Rechtsschutzversicherung. Weitere 1500 Mark für Investitions- und Abschreibungskosten. Zu guter Letzt - übrig geblieben sind bis hier 8175 Mark - fordert der Fiskus die Einkommenssteuer ein. "Rund 40 Prozent", schätzt Prehn. "So genau weiß ich das nicht, das macht immer mein Mann." Blieben 4905 Mark.

Überwiesen werden die Honorare von den Krankenkassen jeweils sechs Monate nach Ende des Berechnungsqartals. Das Geld für die Arbeitsmonate April, Mai, Juni ist auf Angelika Prehns Konto noch nicht eingetroffen.

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