Berlin : Ärzte-Streik: Zack, zack - drei Minuten Zeit für den Patienten

Amory Burchard

Eine Hals-Nasen-Ohren-Praxis in Kreuzberg. Über den Hof eines Wohnsilos an der Skalitzer Straße geht es zwei Treppen hoch. Eine handgeschriebene Empfehlung an die Patienten, sich rechtzeitig einen Termin geben zu lassen, steht in Deutsch und in Türkisch an der Tür. Ende Oktober will Peter Aust, der HNO-Arzt, noch einen Zettel dazuhängen: "Geschlossen aus berufspolitischen Gründen." Ob die Patienten das verstehen? "Streik" darf Aust nicht schreiben, das verstößt gegen seinen Versorgungsvertrag als Kassenarzt. Und doch gehört er zu den tausenden niedergelassenen Ärzten in Berlin, die ihre Praxen ab 30. Oktober für eine Woche schließen wollen, um gegen zu niedrige Honorare zu protestieren. Er hat Angst vor den roten Zahlen auf seinem Konto, hatte Aust am Telefon gesagt.

Peter Aust will ganz offen sein. "Ich habe eine Durchschleuser-Praxis", sagt der HNO-Arzt. Über steigende Patientenzahlen müsse er versuchen, wieder wirtschaftlich zu arbeiten. "Es geht zack, zack, drei Minuten Kontakt." 2000 bis 3000 Patienten behandelt er so pro Jahr - viel für einen Arzt, der alleine arbeitet. An einem Patienten verdient er im Quartal nicht mehr als 50 Mark. Den Punktwert von 750, nach dem die Kassenärztliche Vereinigung die Leistungen der Krankenkassen weiterreicht, kann kein HNO-Arzt überschreiten. Eine Grunduntersuchung, ein Hörtest und eine Nachuntersuchung - und das Punktekonto ist ausgeschöpft. Wenn der Patient zum Schnupfen noch einen Husten bekommt und mehr als zwei, drei Mal im Wartezimmer sitzt, wird er zum Zuschussgeschäft. Nur bei Privatpatienten wird jede Leistung bezahlt, aber am Kottbuser Tor machen die nicht einmal ein Zehntel der Fälle aus.

Im Wartezimmer sitzen schniefende und hustende Menschen, die viel von Aust erwarten. "Ein Arzt muss dich normalerweise lange untersuchen, genau hingucken und dann alles erklären", sagt Abdel-Aziz Husein. Senel Arslan hat seine Illusionen schon verloren: "Man wird ganz schnell abgewickelt, das Qualitative bleibt auf der Strecke." Aber auf seinen HNO-Arzt will er nichts kommen lassen. Der habe noch verhältnismäßig viel Zeit für seine Patienten. Beim Orthopäden gehe es im 40-Sekunden-Takt.

Eine Praxis, sagt Aust, ist auch ein Wirtschaftsunternehmen. Geführt allerdings von einem Arzt mit einem immer noch hohen Berufsethos. Die hohe Konzentration, mit der er sein Wartezimmer schnell abarbeitet, damit immer genug Stühle frei sind, kann er noch vertreten. "In die Zwickmühle" bringe ihn vor allem das Arzneimittelbudget, das er schon jetzt, Anfang Oktober, um acht Prozent überschritten hat. "Ich muss jetzt sparen", sagt Aust. An den Patienten sparen: Keine "Gefälligkeitsverschreibungen" mehr - das heißt: Erkältete müssen ihre nicht rezeptpflichtigen Nasentropfen und Lutschtabletten selber kaufen. Er könne auch keine teuren Antibiotika mehr verschreiben: Wenn ein Patient mit einer schweren Stirnhöhlenvereiterung kommt, bekommt er zunächst ein Medikament, das nur 85 Prozent Heilungschancen bietet, statt eines zehn Mal so teuren, das nahezu garantiert sofort anschlägt. Dass er seinen Patienten damit ein längeres Leiden zumutet, quält den Arzt.

Austs wackelige Witschaftlichkeitsrechnung sieht im Moment so aus: Knapp 400 000 Mark überwies ihm die Kassenärztliche Vereinigung 1999 aus dem Budgettopf, der von den Kassen gefüllt wird. Nach Abzug der Betriebsausgaben - darunter medizinische Geräte und Material, Personalkosten, Praxismiete - blieben 88 500 Mark brutto. Durch die Abschreibung der Summe, die ihn die Praxis vor fünf Jahren gekostet hat, schaffte es Aust bislang, "7000 Mark im Monat rauszuziehen." Davon geht gleich die Arzthaftplichtversicherung mit 1300 Mark ab. 5700 Mark für eine Familie mit vier schulpflichtigen Kindern, ein kleines Reihenhäuschen in Lankwitz, zwei über zehn Jahre alte VWs. Jetzt suchen die Austs eine neue Wohnung. Die Reihenhaus-Miete (2800 Mark warm) ist zu hoch.

Peter Aust und seine Arzthelferinnen sind ein gut eingespieltes Team: Wenn der Arzt ein gewünschtes Medikament nicht verschreibt, stehen sie bei Meliha Kaplan am Tresen. Eine Situation, auf die die 21-Jährige vorbereitet ist: "Wenn sie einen Aufstand machen, weiß ich ja, was ich sagen soll." Es liegt an der Krankenkasse, am Arzneimittelbudget, dass der Doktor schon überschritten hat, erklärt die Mitarbeiterin immer wieder. "Dann sind sie ruhig, können nichts mehr sagen." Im Wartezimmer hängt ein Plakat: "Die heile Welt der Medizin: bald nur noch im Fernsehen?" Eine Seite aus einer TV-Zeitschrift, die Arztserie "Dr. Fink - einer, den Patienten lieben". So wirbt die Bundesvereinigung der Kassenärzte um Verständnis für Protestaktionen.

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