Ärzte streiken in Berlin : Vivantes-Kliniken auf Sparflamme

An allen Vivantes-Kliniken haben Ärzte am Dienstag gestreikt - nun soll Gesundheitssenator Mario Czaja vermitteln. Wie läuft der Betrieb im Streik? Ein Besuch im Urban-Klinikum.

von und Vinzenz Greiner
Mit guter Laune für ernste Sache. Am Urban-Klinikum streikten die Ärzte.
Mit guter Laune für ernste Sache. Am Urban-Klinikum streikten die Ärzte.Foto: Vinzenz Greiner

Am Urban-Krankenhaus scheint an diesem Dienstag, 11 Uhr, noch alles normal zu laufen. Rettungswagen fahren vor, Patienten und ihre Besucher ziehen in der rauchfreien Zone vor der Kreuzberger Klinik genüsslich an ihren Zigaretten. Nur der Tisch, um den fünf Ärzte in weißen Kitteln warten, steht sonst nicht da. Auf dem Tisch: eine Schale mit Kirschen und eine Kiste mit orangenen Streik-Käppis, die Trillerpfeifen und Plakate sind schon auf dem Weg zur Demonstration in der Aroser Allee in Reinickendorf. Dort befindet sich die Zentrale von Vivantes, zu der landeseigenen Kette gehört auch das Urban-Krankenhaus. "Das hier sind die Kollegen und Kolleginnen, die die Stellung halten", sagt Martin Hänel, Oberarzt in der Urban-Gynäkologie - und an diesem Dienstag der örtliche Streikführer.

Ärztedemo am Alexanderplatz

Obwohl die im Marburger Bund (MB) organisierten Ärzte schon vergangene Woche gestreikt hatten, ist die Vivantes-Führung nicht auf ihre Forderungen eingegangen: mehr Lohn für mehr Betriebserfahrung und zwar noch in diesem Jahr. Der MB ruft seine 800 Mitglieder unter den 1700 Vivantes-Ärzten dazu auf, die Arbeit diesmal bis Freitag niederzulegen. Diesen Mittwoch werden bis zu 400 streikende Ärzte auf dem Alexanderplatz erwartet. Bislang waren nur einzelne Vivantes-Kliniken bestreikt worden - und auch die nur je einen Tag. Da lag Horst Hunziger, 78 Jahre, schon im Urban, wegen eines Blasenleidens. Sowohl vergangene Woche als auch an diesem Dienstag habe er nichts vom Streik gemerkt: "Heute morgen kamen die Ärzte auch auf Visite." Oberarzt Hänel sagt, dass solche Visiten morgens noch durchgeführt wurden - damit man danach nicht so viel abarbeiten müsse. Er nennt das "kollegiale Kooperation". Wie üblich gilt außerdem eine Notdienstvereinbarung, Rettungsfälle werden also versorgt. "Wir laufen wie am Wochenende: Das heißt, wir arbeiten reduziert und machen Operationen nur, wenn es ein Notfall ist", sagt Hänel.

Vivantes verliert Millionen

Dennoch dürften inzwischen Tausende regulärer Behandlungen ausgefallen oder verschoben worden sein, dem Vernehmen nach sind Vivantes bis zu zwei Millionen Euro von den Krankenkassen entgangen. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, zumal OPs nachgeholt werden können. Im Foyer des Urban-Krankenhauses sitzen Patienten herum, Besucher schlendern am kleinen Frisiersalon vorbei. Ob man dort den Streik bemerkt? "Welcher Streik?", fragt eine Friseurin. Ein Mann mit einem Pflaster am Arm sagt, in der Notaufnahme arbeite man offenbar normal. Draußen haben sich die Ärzte aus dem Schatten in die Sonne gesetzt. Die Patienten stünden dem Ärztestreik bislang positiv gegenüber, sagt eine Ärztin. Hänel spricht von "Sympathien". Er hoffe, dass sich der Klinikvorstand bewege, Vivantes-Ärzte seien schlechter bezahlt als viele andere Mediziner: "Wir müssen keine Lufthansa sein, aber Easyjet soll es eben auch nicht sein."

Senator Czaja soll vermitteln

Ärzte in der Charité bekommen mehr Lohn. Doch im Senat sähen einige auch dort lieber, dass strenger gespart würde. Bei Vivantes, wo Millionen für Sanierungen gebraucht werden, soll den Ärzten offenbar nicht nachgegeben werden. Die Ärztekammer, der alle zugelassenen Mediziner angehören müssen, hat Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) gebeten, zu vermitteln. Der sagte diplomatisch: er würde. "Zunächst müssen jedoch wieder Verhandlungen aufgenommen werden." Czaja müsste dann mit Ulrich Nußbaum (parteilos) sprechen - und der Finanzsenator steht für einen Sparkurs.

Sanierungsstau der öffentlichen Infrastruktur in Berlin
Eine komplette energetische Sanierung aller Schulen würde nach Berechnung der Finanzverwaltung des Senats vier Milliarden Euro kosten. Dazu gehören der Wärmeschutz nach der gültigen Energiesparverordnung, die Modernisierung der Heizungsanlagen, neue Beleuchtungs- und Belüftungssysteme und der Einsatz regenerativer Energien. Der Vollständigkeit halber: Um alle übrigen Bezirksgebäude auf den neuesten Stand der Energietechnik zu bringen, würden weitere zwei Milliarden Euro benötigt. Für die Schul- und Sportstättensanierung stehen jährlich aber nur 64 Millionen Euro im Landeshaushalt zur Verfügung. Etwas weniger aussichtslos erscheint die Lage, wenn man nur die dringend notwendigen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen betrachtet. Dann kostet die Beseitigung des Investitionsstaus an den Schulen nach Schätzung der betroffenen Bezirke „nur“ eine Milliarde Euro. Dabei geht es nicht nur um Energieeinsparungen, sondern auch um die Ausbesserung von Fassaden, Fenstern, Klassenräumen, Toiletten und Duschen.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Doris Spiekermann-Klaas
01.08.2013 15:56Eine komplette energetische Sanierung aller Schulen würde nach Berechnung der Finanzverwaltung des Senats vier Milliarden Euro...
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