• Ärzte warnen: Aids-Infektionen nehmen wieder zu „Fatale Sorglosigkeit“ im Umgang mit Sexuaität

Berlin : Ärzte warnen: Aids-Infektionen nehmen wieder zu „Fatale Sorglosigkeit“ im Umgang mit Sexuaität

Mediziner beklagen fehlende Präventionsangebote

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Von Ingo Bach

Alarmierende Signale bringen die Immunschwächekrankheit Aids wieder ins öffentliche Bewusstsein. Berliner Ärzte und Wissenschaftler befürchten, dass die Zahl derjenigen, die sich mit dem Aids-Virus HIV anstecken, dramatisch zunimmt. Es gebe zwar noch keine endgültigen Zahlen, die den Trend bestätigen, aber deutliche Indizien. Die Ursachen sind zum einen die um sich greifende Sorglosigkeit und zum zweiten der Irrglaube, Aids sei heilbar. Das sagten Experten am Rande des Aids-Kongresses „HIV im Dialog", der an diesem Wochenende in Berlin stattfindet.

Seit Jahren verharrt die Zahl der Neuinfektionen bundesweit wie auch in Berlin auf relativ gleichbleibendem Niveau. Während sich in der Bundesrepublik jährlich rund 2000 Menschen mit HIV infizierten, waren es in der Hauptstadt etwa 300. Doch in diesem Jahr beobachten Berliner HIV-Ärzte in ihren Praxen eine deutliche Zunahme von positiven HIV-Tests. In einem der sieben Berliner HIV-Labore, dem „Labor 28", wo mehrere Ärzte Blutproben auf den Aids-Virus testen lassen, zeigt die Entwicklung der positiven Testergebnisse steil nach oben. „Allein in diesem Labor stieg die Zahl von 31 positiven Tests im dritten Quartal 2001 auf 45 im zweiten Quartal 2002“, sagt Bernhard Bieniek, Aids-Schwerpunktarzt in Friedrichshain.

Zweites Indiz ist die zunehmende Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten. Besonders die Syphilis ist auf dem Vormarsch. „Offensichtlich praktizieren immer weniger Menschen geschützten Geschlechtsverkehr", sagt Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut. Das Institut sammelt und bewertet alle neuen HIV-Fälle. Da sich die Auswertung sehr lange hinziehe, könne man noch nichts Verbindliches über die jüngste Entwicklung der HIV-Neuinfektionen sagen, so Marcus. Aktuelle Daten fürs erste Halbjahr 2002 könne man erst Ende des Jahres liefern.

Angesichts der Erfolge neuer antiviraler Medikamente gelte ein positiver HIV-Test nicht mehr als Todesurteil, sagt Schwerpunkt-Arzt Bieniek. „Doch die Menschen vergessen, dass sich der Patient sein ganzes weiteres Leben lang mit den Arzneimitteln und ihren teilweise massiven Nebenwirkungen herumschlagen muss." Aids sei nicht heilbar, bei manchen verlängerten die Therapien das Leben um 20 Jahre, bei manchen nur um wenige Jahre. „Jährlich sterben in Berlin rund 15 Menschen an Aids."

Trotzdem registrieren die Selbsthilfegruppen gerade bei Jugendlichen eine „fatale Normalisierung". Aber die Präventionsangebote richten sich immer noch auf die Hauptbetroffenen aus, wie schwule Männer und Drogenabhängige. „Präventionsarbeit in den Schulen sieht unser Vertrag mit dem Land nicht vor“, sagt der Geschäftsführer des Landesverbands der Berliner Aids-Selbsthilfegruppen, Michael Martens. Zum Thema Aids gebe es in den Berliner Schulen keinen speziellen Unterricht mehr, wie es das auf dem Höhepunkt der Aids-Furcht der Fall war. „Wir setzen nicht auf Panikmache", sagt Elisabeth Müller-Heck, zuständige Referentin in der Senatsschulverwaltung. Sexuell übertragbare Krankheiten wie Aids sind im Lehrplan für den Sexualkunde- und Biologieunterricht enthalten. Die Lehrer würden entsprechend geschult. In diesem Jahr organisierte die Schulverwaltung gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und den Cinemaxx-Kinos die Bundesfilmtage zum Thema Aids. „4000 Schüler waren dabei." Auch 2003 soll es so ein Event geben. Aber: „Für eine Ausweitung der Prävention steht kein Geld zur Verfügung."

Informationen zum Aids-Kongress

www.hiv-im-dialog.de

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