Berlin : Ärzte: Wir sind keine Kostentreiber

„Pharma-Industrie und Vielzahl chronischer Fälle in Berlin lassen Arzneiausgaben in die Höhe schießen“

Ingo Bach

Jetzt stehen die Zahlen fest: Trotz Gesundheitsreform und höherer Belastung der Versicherten steigen die Arzneikosten seit Januar 2005 wieder an. Einige Krankenkassen drohen bereits mit Beitragssteigerungen. Schuld daran sollen die Ärzte sein, die zu viel und zu teure Arzneien verordneten. Besonders die Berliner Doktoren verschreiben mehr teure Pillen, Tropfen oder Salben als ihre Kollegen anderswo. Statistisch stehen auf jedem Kassenrezept in der Hauptstadt Medikamente im Wert von 46 Euro – bundesweit ist das Spitze. In Bremen sind es 37 und im Saarland 36 Euro. 30 Euro kostet das die Kassen pro Monat und Versicherten – der Bundesschnitt liegt bei 25 Euro. Doch die Berliner Ärzte fühlen sich daran unschuldig. Der Hauptgrund sei der hohe Anteil an teuren chronisch Kranken in der Stadt, sagt Angelika Prehn, Vorsitzende der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung (KV). So zum Beispiel Aids- und Krebs-Kranke, Rheumapatienten oder Diabetiker.

Aber auch die Pharmaindustrie trage mit immer neuen Arzneien und einem aggressiven Marketing eine Mitverantwortung an den steigenden Kosten. Eine gesetzliche Positivliste mit den wirklich sinnvollen Medikamenten könnte den Einfluss der Pharmaindustrie auf das Verschreibungsverhalten mancher Ärzte begrenzen, meint KV-Chefin Prehn.

Mit einer solchen Liste wollte die Bundesregierung die Zahl der verschreibungsfähigen Medikamente in Deutschland schon 2004 auf rund 20000 halbieren. Doch das Vorhaben scheiterte am Widerstand der Pharmaindustrie. Die Branche argumentierte, dass dadurch innovative Arzneien verhindert würden.

Doch viele der neuen Präparate variieren lediglich einen bereits zugelassenen Wirkstoff. Diese so genannten Nachahmerprodukte sind nach Expertenmeinung oft nicht wirksamer als die Originale, aber genauso teuer. Sie werden mit großem Werbeaufwand in den Markt gedrückt. Tausende Pharmareferenten besuchen regelmäßig die Praxen. Die Berliner KV-Chefin, die selbst eine Hausarztpraxis in Friedrichshain hat, sagt, sie empfange im Schnitt wöchentlich vier Pharmareferenten. „Ich muss doch wissen, was es Neues auf dem Markt gibt.“ Und natürlich wollten die Vertreter etwas verkaufen. „Aber wenn eine neue Arznei meinen Patienten wirklich etwas bringt – zum Beispiel weil sie besser wirkt oder leichter einzunehmen ist – dann verordne ich die auch.“

Offenbar hat das Marketing der Pharmaindustrie in Berlin Erfolg. Nach Krankenkassenangaben werden hier mehr Nachahmerprodukte verschrieben als im Bundesdurchschnitt. Strafen für Ärzte, die zu viel Geld für Arzneien ausgeben, lehnt Prehn allerdings ab. Es gebe bereits eine Kostenbegrenzung. Ein Hausarzt zum Beispiel darf in Berlin pro Quartal und Kassenmitglied Arzneien für maximal 34 Euro verschreiben, Spezialisten entsprechend mehr. Wenn ein Mediziner diese Richtgröße um mehr als 15 Prozent überschreitet, muss er nachweisen, dass dies medizinisch nötig war – sonst droht ein Regress.

Aber das geschieht selten – und dauert Jahre. Derzeit stehen die Verfahren für 2000 vor dem Abschluss. 1999 überschritten von 5500 verordnenden Ärzten in Berlin rund 1000 die Grenze. Doch nur rund 80 Ärzte mussten Regress zahlen – 2,4 Millionen Euro. Das sind 0,25 Prozent der jährlichen Arzneikosten in Berlin.

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