Berlin : Ärztemangel im Pflegeheim

In vielen Einrichtungen ist die Versorgung mangelhaft, kritisieren Experten bei Tagesspiegel-Diskussion

Ute Zauft

In vielen Berliner Pflegeheimen gibt es Mängel bei der hausärztlichen Versorgung. Darin waren sich am Dienstag- abend fast alle Teilnehmer einer Podiumsdiskussion über Transparenz in der Pflege einig. Fast 300 Pflegeheime versorgen in der Stadt schwer kranke und meist hochbetagte Menschen. „Die Mehrheit der Einrichtungen hat eine schlechte ärztliche Versorgung“, beklagte Michael De Ridder, Chefarzt der Rettungsstelle im Vivantes-Krankenhaus am Urban. Die direkten Folgen schlechter Pflege sehe er sehr häufig in seiner Rettungsstelle, nämlich dann, wenn akute Notfälle aus den Pflegeheimen mit dem Notarztwagen eingeliefert werden.

Ein Zuhörer der Diskussion, die vom Tagesspiegel und dem Berufsverband der Pflegeberufe organisiert wurde, erklärte, wie schwierig es war, für seine Mutter im Pflegeheim einen neuen Hautarzt zu finden. Mit der Begründung, dass er nur fünf Euro für einen Hausbesuch bekomme, wollte ihr früherer Arzt die schwere Hauterkrankung der pflegebedürftigen Dame nicht mehr behandeln. Es mangele derzeit vor allem an Neurologen, die sich um Heimbewohner kümmern, sagte Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke).

Chefarzt De Ridder rechnete vor, dass mit einer besseren ärztlichen Versorgung in den Heimen bundesweit bis zu 600 Millionen Euro gespart werden könnten: Die Betreuung durch einen vertraglich gebundenen oder festangestellten Heimarzt würde spätere Klinikaufenthalte verhindern. Dafür müssten nur Mittel aus akutmedizinischen Bereichen umgeleitet werden, wo sie etwa für unnötige Röntgenuntersuchungen „verpulvert“ würden.

Nur 38 der rund 300 Pflegeheime in der Stadt verfügen über eigenes ärztliches Personal, sie gehören zum sogenannten Berliner Modell, das bis 2010 läuft. Sozialsenatorin Knake-Werner zitierte eine Umfrage, nach der mehr als die Hälfte der Einrichtungen, die stattdessen nur mit externen Ärzten arbeiten, mit der medizinischen Versorgung unzufrieden seien. Sie appellierte an die Bundesregierung, in der anstehenden Pflegeversicherungsreform eine hausinterne ärztliche Versorgung zu verankern.

Um Missstände in der Versorgung aufzudecken, schlug Rettungsstellenarzt De Ridder eine „hochrangig angesiedelte Beschwerdestelle“ vor, an die sich Angehörige, Heimbewohner und auch das Pflegepersonal anonym wenden können. Der Chef der Pflegeheim-Gruppe Vitanas, Willi Hermanns, hielt dagegen, dass es bereits die Heimaufsicht und den Medizinischen Dienst der Krankenkassen gebe. Auch an diese ließen sich anonym Beschwerden richten. Während 2005 noch 87 Beschwerden bei der Heimaufsicht eingegangen waren, stieg die Zahl im vergangenen Jahr auf 150. Hermanns appellierte vor allem an die Angehörigen, diese Möglichkeit zu nutzen.

Für mehr Transparenz über die Qualität der Pflegeheime setzt Sozialsenatorin Knake-Werner auf die von ihr angestoßenen freiwilligen Qualitätsberichte. Fragebögen zu Ausstattung, Pflegequalität und Preisen wurden bereits an die Heime verschickt. Bis Ende dieses Jahres will die Sozialverwaltung die Ergebnisse veröffentlichen – in Zusammenarbeit mit dem Tagesspiegel. Ute Zauft

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