Ärzteversorgung : Langer Weg zur Praxis

Die Ärzteversorgung in den Berliner Bezirken hat sich in den vergangenen Jahren unterschiedlich entwickelt. Senatorin Lompscher wünscht sich Anreize für Niederlassungen in unterversorgten Kiezen.

Ferda Ataman

Seit 2004 gilt Gesamtberlin als ein Planungsgebiet bei der Berechnung der ärztlichen Versorgung für die Einwohner – die einzelnen Bezirke spielen keine Rolle mehr. Und seit das so ist, haben sich die rund 6800 niedergelassenen Ärzte und 2200 Psychotherapeuten in der Stadt neu verteilt. Ein detaillierter Blick auf die Ärzteversorgung in den einzelnen Bezirken, wie ihn die Kassenärztliche Versorgung (KV) diese Woche vorgestellt hat, belegt das. In den City-Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitte etwa haben sich aus jeder Fachrichtung mehr Ärzte niedergelassen als in anderen Bezirken. Deutlich längere Wartezeiten und weitere Wege in Fachpraxen müssen Patienten in Neukölln, Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg auf sich nehmen, weil hier weniger Mediziner arbeiten, wie der Tagesspiegel berichtete.

„Dass ich für dieses Thema zuständig und gleichzeitig machtlos bin, habe ich schon bei meinem Antritt ins Amt lernen müssen“, sagte dazu Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) auf einer Podiumsdiskussion am Montagabend. Zwar sei die regionale Ungleichverteilung in anderen Regionen der Bundesrepublik weitaus gravierender als in Berlin. Dennoch will sich die Senatsverwaltung mit den von der KV vorgelegten Zahlen näher befassen.

Am 7. Juli werde der Landesausschuss für Ärzte und Krankenkassen darüber diskutieren, „welche Steuerungsinstrumente uns zur Verfügung stehen“, sagte Lompscher. „Zu viele Ärzte streiten sich um das Budget“, da könne man über besser arrangierte Niederlassungssteuern nachdenken. Vom zuständigen Ausschuss wünsche sie sich, „dass er finanzielle Anreize für Mediziner in schlechter versorgten Regionen setzt“, das sei bereits machbar. Allerdings, so die Senatorin, kommt es letztlich auch weiterhin auf die Bundesregelungen an.

KV-Vorstand Uwe Kraffel warnte vor voreiligen Schlüssen: Eine „gewaltsame Umorganisierung der Ärzteverteilung“ sei die falsche Herangehensweise. „Das Problem ist nicht eine plötzliche Abwanderung der Ärzte in die reichen Kieze, zu den Privatversicherten“, sagte er auf dem Podium. Ein Beleg dafür sei die hohe Zahl der Psychotherapeuten in Mitte, die von gesetzlich Versicherten mehr profitierten als von privat Versicherten.

Auch das aktuelle Bild von Berlin – dass in einzelnen Stadtquartieren zwar zu wenige Ärzte praktizieren, aber über die ganze Stadt gesehen ein Überschuss besteht – will Kraffel nicht so stehen lassen: Die Überversorgung sei „nicht besonders groß“, da die gültige Berechnung der Einwohner-Arzt-Relation aus den 90er Jahren veraltet sei. Und längst nicht alle Ärzte mit Zulassung würden auch Vollzeit arbeiten. „Die eigentliche Herausforderung ist die rasch alternde Bevölkerung in manchen Bezirken“, sagt Kraffel, dort steige der Versorgungsbedarf schneller.

Doch dass die aktuelle Lage nicht auch mit dem Wunsch der Ärzte nach einem schönen Arbeitsplatz zu tun, kann Michael Räßler-Wolff kaum glauben. Der Lichtenberger Gesundheitsstadtrat zieht für seinen alternden Bezirk eine nüchterne Bilanz: „Wir stellen fest, dass in den vergangenen Jahren 64 Ärzte weggezogen sind und nur 40 neue gekommen“, sagte er in Richtung Kraffel. Ferda Ataman

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