Ärztin im Pflegeheim : Die Telemedizinerin

Irmgard Landgraf ist Ärztin im Pflegeheim und versorgt ihre Patienten nicht nur vor Ort, sondern ist auch von außerhalb digital mit ihnen vernetzt. Ergebnis: Die Bewohner leben hier deutlich länger.

Immer erreichbar. Irmgard Landgraf mit der 96-jährigen Heimbewohnerin Gertrud Haase.
Immer erreichbar. Irmgard Landgraf mit der 96-jährigen Heimbewohnerin Gertrud Haase.Foto: Thilo Rückeis

Im Fernsehen läuft eine Gerichtsshow. Wilhelm Dittmar, 93 Jahre alt, thront auf seinem Fernsehsessel. „Den habe ich aus Schönwalde mitgebracht“, sagt der korpulente Mann zu Irmgard Landgraf, die neben ihm steht. Die Frau mit den kurzen grauen Haaren und dem weißen Kittel nickt, sie weiß, dass er sein ehemaliges Zuhause meint. Jetzt steht der Sessel in seinem Zimmer im Pflegeheim Agaplesion Bethanien Sophienhaus in Steglitz. „Na, dann mache ich den Kasten mal aus“, sagt er. Schließlich ist Irmgard Landgraf seine Hausärztin. „Ich habe nichts. Ich bin gesund und munter“, sagt der alte Herr fröhlich. Irmgard Landgraf guckt ihn erstaunt an. Sie weiß, dass das nicht stimmt. Wilhelm Dittmar hat Probleme mit den Augen und der Haut. Aber er sagt: „Das wird jeden Tag eingecremt. Besser kann es mir nicht gehen.“

Die meisten Bewohner des Steglitzer Pflegeheims haben mehrere Krankheiten: Herz-Kreislauf und orthopädische Leiden wie Gelenkbeschwerden, Arthrosen, degenerative Verschleißerscheinungen, Diabetes. Oft kommen Altersdepression und Demenz hinzu. Wilhelm Dittmar ist keine Ausnahme. „Erstaunlich, wie er seine Krankheiten verdrängt“, sagt die Hausärztin später auf dem Flur. Eine Demenz sei bei ihm jedoch nicht im Spiel. „Herr Dittmar ist seit eineinhalb Jahren hier. An seine Grundkrankheiten, die bei seiner Heimaufnahme sehr gravierend waren, erinnert er sich nicht mehr, weil sie ihn aktuell nicht belasten. Ein schönes Beispiel dafür, was gute Pflegeheimversorgung bewirken kann.“

Dass Wilhelm Dittmar so gut versorgt ist, liegt auch an ihr. Die hausärztliche Internistin ist für die Pflegekräfte immer erreichbar. Ihre Praxis liegt im Erdgeschoss des Pflegeheims. Einmal pro Woche kommt sie zur Visite auf eine der drei Stationen – egal, ob die Bewohner krank sind oder nicht. Bei 100 Bewohnern bekommt jeder alle drei bis vier Wochen Besuch. Einmal pro Woche geht sie die Akten durch. „Kurvenvisite“ nennt sie das.

Die Praxis ist mit dem Heim digital vernetzt

Die Kooperation zwischen der Internistin und dem Pflegeheim in Steglitz ist Teil des „Berliner Projekts“. Grundlage ist ein Vertrag zwischen vier Krankenkassen, der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin sowie Krankenhaus- und Pflegeheimverbänden. Zwölf beteiligte Heime haben einen Heimarzt angestellt, 16 andere unterhalten eine Kooperation wie die mit Irmgard Landgraf. Ihre Arbeit ist aber innerhalb des Projekts noch mal etwas Besonderes: Die 61-Jährige setzt als Einzige in Berlin auf eine „telemedizinisch unterstützte Pflegeheimversorgung“. Ihre Praxis ist mit dem Heim digital vernetzt. Wilhelm Dittmar hat eine digitale Krankenakte, auf die das Pflegepersonal und die Ärztin Zugriff haben. Sie aktualisieren sie fortlaufend, alle wissen jederzeit, wie es ihm geht. Hat er Beschwerden, ist die Ärztin schnell vor Ort. In Schulungen hat sie den Pflegern beigebracht, wie sie Beschwerden detailliert eintragen können.

Manchmal genügt es sogar, eine Medikamentendosis aus der Ferne zu verändern, damit es den Patienten wieder besser geht. Oder damit sie weniger leiden. So wie die Bewohnerin, um die sich Irmgard Landgraf vor dem Besuch bei Wilhelm Dittmar gekümmert hat. Am Computer hat sie bei der Patientin, die im Sterben liegt, die Dosierung der Mittel gegen Unruhe, Angst und Schmerzen erhöht. Eine Pflegekraft hatte sie angerufen und darum gebeten. Ohne schriftliche Anweisung eines Arztes darf sie die Dosis nicht verändern. „Bei diesem Schmerzmittel ist es wichtig, dass die Patientin es sofort bekommt und nicht warten muss, bis ich vorbeikomme“, sagt Landgraf. Schließlich hatte ihre Kollegin die Patientin am Morgen schon untersucht. „Drüben auf den Stationen sind 100 schwerstpflegebedürftige Patienten. Ich kann nicht immerzu kurz rüberrennen“, sagt Landgraf.

Bewohner leben hier länger als im Bundesdurchschnitt

In ihrer Praxis betreut Landgraf auch noch rund 500 externe Patienten. Einige dieser ambulanten Patienten ließen sich schon vor Langem auf die Warteliste für das Heim setzen, „weil sie merkten, dass die Bewohner dort gut versorgt werden“, sagt Landgraf. „Die Patienten, die wir hier im Heim versorgen, leben deutlich länger als im Bundesdurchschnitt in Pflegeheimen. Dabei sind sie älter und kränker. Vorher lebten sie hier eineinhalb bis zwei Jahre, jetzt sind es über drei. Der Landesschnitt liegt bei einem Jahr.“ Durch die Methode könne sie „verhindern, dass schlimmere Krankheitsverläufe entstehen“. Beispiel: Alte Menschen trinken oft zu wenig. Eine Blasenentzündung verschlimmert sich dadurch, weil die Blase nicht ausreichend durchgespült wird. Schnelle Behandlung verhindert eine Nierenbeckenentzündung, die eine Sepsis auslösen kann.“ Bei allen Patienten behält Landgraf die Nierenwerte im Blick.

Eine schnelle Behandlung: Daran fehlt es in Heimen ohne kooperierenden oder angestellten Arzt und ohne digitale Vernetzung am dringendsten. „Dort läuft es so: Geht es einem Bewohner nicht gut, ruft ein Pfleger den jeweiligen Hausarzt an. Beim ersten Mal ist besetzt, beim zweiten Mal auch, beim dritten Mal: Anrufbeantworter. Die Pfleger sind mit solchen Anrufen sehr lange beschäftigt.“ Der Hausarzt komme oft erst Tage später. „Und der arme Mensch, der da mit seinen Beschwerden liegt, muss es die ganze Zeit aushalten. Und wenn der Arzt kommt, trifft er eine Leasingkraft, die keine Ahnung hat, worum es genau geht.“

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