Ästhetisches NS-Erbe in Berlin : Gute böse Nazi-Kunst

Sie gelten als ästhetisch minderwertiger Bombast. In Berlin sind Nazi-Denkmäler dennoch Teil des Stadtbilds. Es fehlt aber der genaue Blick – auch auf ihre Stärken. Dabei muss hinsehen, wer kritisch urteilen will.

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Soll der Adler fliegen? Der von Ernst Sagebiel gestaltete Kopf repräsentiert heute wie einst am Flughafengebäude in Tempelhof.
Soll der Adler fliegen? Der von Ernst Sagebiel gestaltete Kopf repräsentiert heute wie einst am Flughafengebäude in Tempelhof.Foto: IMAGO

Ein Jahr ist es her, da tauchten in einer Lagerhalle im pfälzischen Bad Dürkheim überraschend sechs Bronzestatuen von Hitlers Lieblingsbildhauern auf, darunter zwei monumentale Rösser von Josef Thorak. Die standen einst prominent vor der Neuen Reichskanzlei in Berlin und nun für eine Riesengeschichte. Denn damit hatte die Bundesrepublik ihr Gegenstück zum Fall Gurlitt. Nicht um die „entartete Kunst“ ging es diesmal oder Stücke, die jüdischen Sammlern von Nationalsozialisten entwendet worden waren. Sondern um Werke der Täter, die im „Dritten Reich“ Anerkennung und Aufstellung gefunden hatten. Plötzlich waren die Rösser da – und mit ihnen die Fragen, wem sie gehören und wie mit ihnen umzugehen sei.

Die Bilder sind unter uns, hatte es anlässlich des „Schwabinger Kunstfunds“ in Cornelius Gurlitts Wohnung Anfang 2012 geheißen, in Anlehnung an Wolfgang Staudtes 1946 gedrehten Film „Die Mörder sind unter uns“. Das Auftauchen der Sammlung des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt versetzte Kunstinteressierte weltweit unmittelbar in die Nachkriegszeit und die Jahre des nationalsozialistischen Regimes. Wie ein Schock wirkte die Konfrontation mit den damaligen Praktiken des Kunsthandels und die Auswirkung für die Museen, in denen sich bis heute unrechtmäßig Bilder befinden. Die jahrzehntelange Verdrängung offenbarte sich auf einen Schlag, die junge Disziplin der Provenienzforschung erhielt Aufwind, der Bund gab weitere Gelder frei.

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Nicht nur die Bilder sind unter uns, die Skulpturen sind es auch, das bescherte diese zweite, so anders geartete Entdeckung aus Bad Dürkheim als Erkenntnis. Thoraks muskelstrotzende Pferde, die vor einem Jahr ebenfalls beschlagnahmten Figuren „Der Künder“ und „Berufung“, beide von Adolf Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker, sowie die Bronzeakte „Galathea“ und „Olympia“ von Fritz Klimsch befanden sich auf dem Gelände eines Unternehmers und Liebhabers von Nazi-Kunst. Auf abenteuerlichen Wegen waren sie kurz vor dem Mauerfall aus einer sowjetischen Kaserne in Eberswalde nach Westdeutschland geschmuggelt worden. Wegen des Verdachts auf Hehlerei sind die Werke jetzt Gegenstand eines juristischen Streits zwischen dem letzten Besitzer und der Bundesrepublik. Als Rechtsnachfolgerin des NS-Regimes erhebt sie Anspruch und wartet auf Freigabe durch die Staatsanwaltschaft Berlin, um die Rösser dann, so der Plan, der „Topographie des Terrors“ zu überlassen.

Harmlos verteilen sich die Werke in der Stadt

Wie der Schwabinger weist auch der Bad Dürkheimer Fund auf eine Leerstelle hin. Hatten sich in den letzten Jahren fast alle Berufssparten einer Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit gestellt, so untersuchten Kunsthändler, Museumsleute und Künstler ihre Verstrickungen nur zögerlich. Das Auftauchen der Skulpturen brachte in Erinnerung, dass eine Aufarbeitung der staatstreuen Kunst während der NS-Zeit und der Rolle der Künstler vielfach noch aussteht. Gerade in Berlin, wo die NS-Kunstpolitik gemacht wurde, die Reichskulturkammer saß, sollte dies geschehen. Auch, weil sich hier zahlreiche der 1933 bis 1945 entstandenen Werke noch immer im öffentlichen Raum befinden. Sie verschwanden keineswegs abrupt mit dem sich am 8. Mai zum 71. Mal jährenden Kriegsende und dem Alliierten-Beschluss, dass alle NS-Denkmäler zu entfernen seien.

Nicht immer martialisch, aber allgegenwärtig. Auch Bernhard Bleekers "Speerträger" im Park am Lietzensee ist ein NS-Überbleibsel.
Nicht immer martialisch, aber allgegenwärtig. Auch Bernhard Bleekers "Speerträger" im Park am Lietzensee ist ein NS-Überbleibsel.Foto: Thilo Rückeis

Über siebzig zwischen 1933 und 1945 aufgestellte Skulpturen führt die Datenbank der Bibliotheken für Berlin weiterhin auf. Harmlos verteilen sie sich in der Stadt: die schmucke Wasserträgerin am Haus Ecke Hohenzollerndamm / Eisenzahnstraße, die Hirsche, Stiere, Affen in den Parks und Tiergärten, die putzigen Kinderfiguren an der Köpenicker Landstraße. Die Geschichte ist ihnen kaum anzusehen, schließlich standen sie nicht im Dienst der Politik. Wie beim Speerwerfer am Lietzensee fehlt eine Jahreszahl, die verraten würde, wann die Skulptur entstand.

Helle Wächter aus dunkler Zeit. Kolossalfiguren zieren noch heute einen Eingang am Fehrbelliner Platz.
Helle Wächter aus dunkler Zeit. Kolossalfiguren zieren noch heute einen Eingang am Fehrbelliner Platz.Foto: Thilo Rückeis

Geblieben ist allerdings auch der martialische Typus, meist als Fassadenschmuck wie die beiden Kerle am ehemaligen Verwaltungsgebäude der Deutschen Reichsbahn in der Invalidenstraße. Oder das Paar an der Front der Deutschen Rentenversicherung nahe dem Fehrbelliner Platz: Er hält eine Miniatureiche in der Hand, sie einen Kelch mit züngelnder Flamme. Vermutlich scheute man in der Nachkriegszeit die hässliche Leerstelle an der Eingangswand, ließ sich der Berliner Magistrat überzeugen, dass das Paar ungefährlich sei. Auf ähnliche Weise kam es, verbürgt, zu kuriosen Überbleibseln wie am Finanzamt in der Bismarckstraße, wo der Reichsadler über dem Eingang noch prangt. Bis 1945 umfassten seine Klauen ein Hakenkreuz, nun befindet sich passgenau in der Aussparung die Hausnummer 48.

Berlin reibt sich an diesem Erbe, mehr als andere Orte. Die Stadt, in der die Verfolgung der Juden geplant, der Überfall auf die europäischen Nachbarn vorbereitet wurde, widmet ihre heutige Kunst im öffentlichen Raum vor allem dem Gedenken der Opfer, ein programmatischer Ansatz der Senatsverwaltung für Kultur. Der Fall Thorak mit den aufgetauchten Pferden hat in diesem größeren Kontext nun eine Diskussion entfacht über Dinge, die zunächst nicht so recht in die Gedenkkultur der Stadt passen wollen. Die simple Frage ist: Wohin mit der Nazi-Kunst? Zeigen, wegsperren, kontextualisieren, erklären? Wer waren die Künstler, gibt es überhaupt eine NS-Ästhetik? Welche Rolle spielten die Bildhauer? Warum erhitzen sich gerade an ihnen die Gemüter, wo doch Maler, Schauspieler, Schriftsteller, Musiker ebenfalls nach 1933 weiterhin tätig waren und viele von den neuen Machthabern profitierten, ja ein weitaus größeres Publikum erreichten?

Die Bildhauer waren direkte Auftragnehmer der öffentlichen Hand

Letzteres liegt in der Natur der Skulptur. Die Bildhauer waren direkte Auftragnehmer der öffentlichen Hand, ihre Werke dienten als Dekoration der Macht, sie illustrierten die politische Programmatik und bildeten, im öffentlichen Raum, das Menschenbild der Nazis ab, ihr rassisches Ideal. Allerdings gibt es auch hier nicht nur Schwarz und Weiß, lässt sich nicht immer klar scheiden, aus welchen stilistischen Einflüssen sich die Formensprache speist, ob die Kunst nur, weltanschaulich, böse oder auch, künstlerisch, gut ist. Häufig verwischt das Täterbild zumindest ein wenig, schaut man einmal genauer hin.

Nur nichts reproduzieren. In Arno Brekers ehemaligem Atelier versucht man, die NS-Ästhetik mit Nachkriegskunst zu brechen.
Nur nichts reproduzieren. In Arno Brekers ehemaligem Atelier versucht man, die NS-Ästhetik mit Nachkriegskunst zu brechen.Foto: Thilo Rückeis

Wer sich in Berlin auf die Spuren der NS-Bildhauer begibt, wird als Erstes das einstige Atelier Arno Brekers im Südwesten der Stadt aufsuchen. Seit dem vergangenen Sommer steht der Backsteinbau im Käuzchensteig am Rande des Grunewalds wieder in seiner ursprünglichen Form da. An die Zwischennutzung nach dem Zweiten Weltkrieg durch Gäste des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und Stipendiaten des Kultursenats wie Armando, Jimmie Durham und Emmett Williams erinnert eine Texttafel.

Die Einbauten aus den Siebzigern sind entfernt, das fast 300 Quadratmeter große Hauptatelier mit seinen von der Decke bis zum Boden reichenden Fenstern lässt flutendes Licht herein. 1939 wurde das Gebäude als erstes von zwanzig geplanten Staatsateliers für regimetreue Auftragskünstler fertiggestellt – und blieb fast das einzige. Breker benutzte es kaum, er zog sich bald in das brandenburgische Schloss Jäckelsbruch zurück, das Hitler seinem Lieblingsbildhauer 1940 zum Geburtstag geschenkt hatte. Hier hatte er keine geborstenen Glasoberlichter zu befürchten wie in Berlin nach Bombendetonationen.

Als Relikte aus der Ursprungszeit hängen von der Decke des Berliner Breker-Ateliers heute noch Zugketten, mit denen die tonnenschweren Steinblöcke bewegt werden konnten. Brekers Skulpturen, die sich noch auf dem Gelände befanden, wurden 1946 von den Briten zum Collecting Point, zur Kunstsammelstelle, nach Dahlem gebracht, die im Garten liegende Wagner-Büste holten sich die Bayreuther Festspielmacher ab.

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