Afrika helfen : Berliner für Burkina Faso

In Berlin haben die Dreyers Ideen für den BER und für Partyevents. In Burkina Faso helfen sie einer ganze Region.

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Arm in Arm. Jenny Dreyer-Gsell gibt viel in Burkina Faso. Vor allem viel Herz. Aber auch Geld. Und bekommt viel von den Menschen zurück. Auch ihr Mann Gisbert Dreyer ist in der Stiftung aktiv.
Arm in Arm. Jenny Dreyer-Gsell gibt viel in Burkina Faso. Vor allem viel Herz. Aber auch Geld. Und bekommt viel von den Menschen...Foto: privat

Ein Schamane kennt viele Geheimnisse, um gute Geister herbeizurufen. Papa Eli bediente sich eines ganz einfachen, uralten Menschheitsrituals. Als er in Paris zufällig den Projektentwickler Gisbert Dreyer kennenlernte, lud er ihn nach Burkina Faso, in seine Heimatstadt Dano. Der studierte Architekt kannte Afrika schon von einem längeren privaten Aufenthalt, er hatte auch schon in Saudi-Arabien gearbeitet und in China. Berliner kennen Dreyer zum Beispiel durch die Treptowers, die Oberbaum City und seine Ideen für den BER - da will er das ICC zum innerstädtischen Terminal machen.

In Europa hat das 300 Jahre gedauert

Als er nach Dano kam, sah er sich mit großer Armut konfrontiert. Es dauerte ein Weilchen, bis 2001 in ihm der Gedanke reifte, eine Stiftung zu gründen. Dreyer ist kein Mensch, der unüberlegt etwas macht. Er liebt systemisches Handeln, will Dinge bis zu Ende denken, damit sie funktionieren. Seine gemeinnützige Dreyer-Stiftung bekam rasch auch die staatliche Anerkennung aus Burkina Faso. Als Nichtregierungsorganisation konnte sie gleich loslegen. Das Ziel lag in der Beantwortung der Frage, ob man eine wirtschaftliche Entwicklung, die in Europa 300 Jahre gedauert hat, dank Erfahrungen auf 20 Jahre komprimieren kann. Gisbert Dreyer wollte die Region mit etwa 50 000 Bewohnern, die zu den ärmsten der Welt zählt, so rasch wie möglich vom 16. ins 19. Jahrhundert katapultieren. „Eigentlich ähnelten die Zustände eher dem ersten Jahrhundert in Europa“, erinnert er sich. „Es gab keine Straßen, kein Wasser, keine Kommunikation, kein Geld.“ Viele Menschen hatten noch nie einen Weißen gesehen, kannten keine Flugzeuge.

Ein Stausee und Natur-Klimaanlagen

Zuerst baute er ein Zentrum für die Stiftung, ein Ensemble aus 15 Gebäuden mit Gästehäusern, Küche und Kantine, Maschinen-Wartung. Er wählte dafür ein Felsplateau, um den Menschen nicht noch kostbares Land zu nehmen. Zu den ersten Projekten gehörte ein Stausee. Dabei half ihm seine Erfahrung in heißen Gegenden: etwa wie man Thermik nutzt, um Gebäude auch ohne Klimaanlagen kühl zu halten. Er verschattete Lehm- und Steinbauten mit Blechdächern, unter denen Luftströme herzogen.

Davon profitieren auch etwa 3000 Schulkinder, die in derzeit sechs Schulen lernen. Früher war die Schulabbrecherquote immens hoch. Aber da die Kinder eine warme Mahlzeit bekommen und auch den Geschwistern noch etwas mitbringen, lernen sie besser. So lohnt es sich für die Eltern auch materiell, die Kinder zur Schule zu schicken. Dreyer glaubt, es ist wichtiger, Krankheiten vorzubeugen, als eine Klinik zu bauen. Allein durch sauberes Wasser und Hygiene lassen sich 70 Prozent der Krankheiten verhindern, ist er überzeugt. Schließlich sterben die meisten Kinder an Durchfall.

Die Kindersterblichkeit sank drastisch

In den Schulen gibt es Toiletten und fließendes Wasser, und bevor sie etwas zu essen bekommen, müssen sie sich die Hände waschen. So werden sie die besten Botschafter für mehr Hygiene. „Viele werben in ihren Dörfern dafür, Latrinen zu bauen.“ Als die Stiftung mit ihrer Arbeit begann, starb jedes zweite Kind in der Region. Heute ist die Kindersterblichkeit dort auf drei bis fünf Prozent gesunken, sieht man kaum noch die notorischen Hungerbäuche. Dreyers Ehefrau Jenny Gsell-Dreyer zeigt stolz die Bilder von disziplinierten langen Schlangen. Auch sie ist Berlinern bekannt, sie baute nach der Wende als erste Ostdeutsche eine erfolgreiche Event-Agentur auf. Und nun hilft sie gegen Hunger und Armut in Afrika.

Es gibt nun eine Vorschule und auch ein Gymnasium in Dano. Wer lernen darf, entscheidet das Los. Zehn Prozent der Plätze werden an Waisen vergeben. Eines der Waisenkinder hat Dreyer selbst mal „quasi aus dem Straßengraben gezogen.“ Jetzt ist es Arzt und Assistenzprofessor in der Hauptstadt. Manchmal hält er Vorträge zu seinem Lieblingsthema: „Chancen nützen“. Das wollen auch viele Bauern aus der Umgebung, die erkannt haben, wie nützlich die Hilfe der Stiftung ist. Rund 40 Angestellte zählt das Zentrum. Neben Köchen, Fahrern und Hilfspersonal für die Schulen sind das vor allem landwirtschaftliche Berater, die den Bauern direkt auf ihren Feldern Hilfe zur Selbsthilfe geben. Sie zeigen ihnen, wie man Schädlinge richtig bekämpft, und wie man Reispflanzen setzt.

Küchenrauch macht krank

Ökonomie ist neben der Bildung die zweite Säule der Stiftungsarbeit. Vor allem ging es darum, alte Gewohnheiten aufzubrechen. Statt Hirse bauen die Bauern nun eine sehr widerstandsfähige Reissorte an. Da ein Bauer allein kaum eine Chance hat, der Armutsfalle zu entrinnen, werden die Menschen ermutigt, Kooperativen zu bilden. Früher haben die Bauern etwa 200 Kilogramm Hirse pro Hektar geerntet. Davon konnten sie ihre Familien ein halbes Jahr lang ernähren. Heute holen die besten Reisbauern sechs bis sieben Tonnen aus ihren Feldern heraus. Dank des Stausees gibt es drei Ernten jährlich, erst Reis, dann Tomaten, Zwiebeln und Bohnen, dann Mais. Noch wird viel zu viel Holz verbrannt zum Kochen. Immer wieder sterben Menschen an Rauchvergiftungen. Die Savanne wird ausgeräubert, weil zu viel gefällt wird. Mit neuen Technologien sollen nun andere Brennstoffe eingeführt werden.

An der Tafel im Haus der Dreyers auf dem Felsplateau sitzen eigentlich immer Gäste, gerne Forscher aus aller Welt. „Wir hatten schon Forscher aus 70 Ländern zu Gast“, sagt der Architekt. Aus manchen Gesprächen haben sich auch Doktorarbeiten ergeben. Effiziente Öfen wurden entwickelt, die mit Ölpflanzen befeuert werden können.

Ein schwieriges Kapitel ist noch die Integration der Viehwirtschaft in dem krisengeschüttelten Land. Hier herrscht ein uralter Menschheitskonflikt zwischen den Vieh züchtenden Nomaden und den sesshaften Bauern. Oft kommen die Dreyers deshalb mit den Chefs de Terre und den Schamanen zusammen, um Konflikte der Kultur zu lösen. Vieles hat sich aber schon zum Guten geändert. Zum Beispiel dass es jetzt auch Geld gibt.

Am Anfang hat Dreyer noch selber Mikrokredite von 10 bis 15 Euro verteilt. Inzwischen gibt es in Dano zwei Banken, außerdem Läden für Mopeds und Fahrräder. Damit können die Menschen ein Vielfaches von dem transportieren, was früher die Frauen auf dem Kopf trugen. Zu den sonntäglichen Märkten kommen die Menschen selbst aus den Nachbarländern. Aus dem Niemandsland ist ein prosperierender Marktflecken geworden.

Seit 2007 gibt es auch eine Straße in die Hauptstadt. Aber sie zu befahren ist freilich gefährlich. Wenn Lkw in Deutschland ausrangiert worden sind, kommen sie erst nach Osteuropa, haben sie da ihre Dienste getan, geht es weiter nach Afrika. So gehört zu den gefährlichsten Aspekten die Fahrt vom Flughafen. Jenny Gsell-Dreyer hat außerdem Angst vor Schlangen, die sind da oft giftig. Glücklicherweise ist ihr noch nie eine begegnet, und sie weiß auch, wem sie das verdankt. Papa Eli hat sie anfangs mal zu einer Schlangenzeremonie eingeladen.

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