Berlin : Aggression macht Angst

Nana Heymann

Natürlich könnte ich auch einfach wegschauen. Die Anmachen ignorieren, mit denen mir die Dealer im Park am Weinbergsweg in Mitte ihre Drogen verkaufen wollen. Ein scharfes „Pssst!“, ein eindeutiges „Ey, brauchste was?“ – ich könnte einfach tief durchatmen und weitergehen. Das Problem wäre trotzdem noch da.

Welches Problem? Dass mitten in der Stadt der Drogenhandel grassiert, dass vor den Augen der Polizei – die ihre Wache ganz in der Nähe an der Brunnenstraße hat – Heroin und Koks verkauft werden, mit einer Selbstverständlichkeit wie andernorts Eis oder Zuckerwatte. Das ist ein Problem, das nicht mit der Liberalität des Großstadtlebens abgetan werden kann. Und es zu benennen, hat auch nichts mit rassistischen Ressentiments zu tun, denn die Männer, die im Weinbergspark oder in der nahe gelegenen U-Bahnlinie 8 Drogen verkaufen, haben nun einmal einen Migrationshintergrund.

Das Gefühl des Unwohlseins aber hat nichts mit der Nationalität der Dealer zu tun, sondern mit ihrem aggressiven Auftreten. Sie sitzen nicht etwa unauffällig in einer Ecke und warten, bis ein Käufer auf sie zukommt. Ganz im Gegenteil: Jeder, der seinen Unmut über ihre Anwesenheit bekundet, wird eingeschüchtert. Im günstigeren Fall verbal, manchmal aber auch durch das Zücken eines Messers.

Als mich unlängst wieder mal ein Dealer ansprach, an dem ich schon hunderte Male schweigend vorbeigegangen war, konnte ich mir ein genervtes „Verpiss Dich!“ nicht verkneifen. „Hast Du ein Problem oder was?“, pöbelte mich der Typ an. Ja, hab’ ich, und zwar mit Idioten wie Dir, die eben nicht nur da sind, weil angeblich die Nachfrage in der Gegend so groß ist, sondern die ganz gezielt auch neue Kunden zu ködern versuchen. Kein Wunder, dass aufgebrachte Mütter Angst haben, ihre Kinder könnten eines Tages zu Haschisch, Koks oder Schlimmerem verführt werden. Das alles sagte ich natürlich nicht, denn das hätte wohl kein gutes Ende genommen.

Mit so einer Meinung setze ich mich schnell dem Verdacht aus, Spießerin zu sein. Dieser Vorwurf läuft allerdings in die falsche Richtung. Natürlich sind Kriminalität, Süchtige und Dealer Alltag in Metropolen. Und natürlich gibt es Menschen, die glauben, sich nur mithilfe von Mittelchen gut fühlen zu können, „Spaߓ zu haben. Aber selbst diese Menschen, eigentlich potenzielle Kunden der Drogenhändler, meiden den Park. Erst kürzlich unterhielt ich mich mit einem Mädchen, das ich aus dem Nachtleben kannte. „Machen wir uns nichts vor“, sagte sie, „jeder braucht mal einen Dealer. Aber diese Typen im Park sind mir echt zu aggressiv.“

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