Berlin : Ahnung einer vornehmen Adresse

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Von insgesamt zwölf geplanten Häusern stehen erst vier. Noch herrscht weitgehend Leere, noch ist viel Fantasie nötig, um sich den Leipziger Platz fertig vorzustellen. Als Oktogon, als Achteck, wie es vor dem Krieg einmal gewesen war - mit dem mächtigen Wertheim-Kaufhaus an der Ecke Leipziger Straße. Aber 2005 soll der einst kriegs- und grenzzerstörte Platz komplett bebaut sein, nachdem jetzt auch die Weichen für das ehemalige Kaufhaus-Areal, das größte Grundstück am Platz, gestellt worden sind.

Ein Stadtviertel mit Höfen und Passagen will die bundeseigene TLG, Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft, mit den Partnern ECE und Bauwert errichten, den letzten Rest vom ehemaligen Mauerstreifen mit einer vornehmen Adresse tilgen. Der Leipziger Platz soll nach den Wünschen des Senats zu einem zukunftsweisenden Handels-, Wohn- und Geschäftszentrum in der alten Mitte Berlins werden - und hätte es mit Bauplänen für das alte Wertheim-Areal nicht geklappt, hätte die große Brachfläche nur von unerfüllten Träumen gekündet.

Das Mosse-Palais machte 1998 den Anfang. Es stand über fast drei Jahre lang allein auf weiter Flur, nur die rote Info-Box gegenüber leistete Gesellschaft. Der Neubau aber gab schon eine Ahnung, wie es baulich weitergehen könnte. Architekten hatten sich ein Beispiel zu nehmen, Senatsbaudirektor Hans Stimmann kannte kein Pardon. Die zurückgesetzten Sattelgeschosse sollten ein Merkmal der geplanten Neubauten werden, weitgehend auch die Natursteinfassaden. Als vor gut einem Jahr auf der anderen Platzseite das "Palais am Bundesrat" und das Haus Knauthe hinzukamen, als das Mosse-Palais wenig später einen Nachbarn (DG-Immobilien) erhielt, waren Grundpfeiler gesetzt, um eine Platzfassung zu erkennen. Die Info-Box musste Ende 2000 schließen, weil sie Bauarbeiten im Weg zu stehen begann.

Inzwischen sind zwei weitere Grundsteinlegungen auf der südlichen Platzseite hinzugekommen, die nördliche ist ein wenig in Verzug. Fast alle Bauherren kündigen hochwertige Büros, anspruchsvolle Geschäfte und Restaurants und natürlich exklusive Wohnungen in bester Lage an. Auch Diplomaten werden sich hier ansiedeln, die Botschaft Kanadas entsteht im nächsten Jahr, die Bauvorbereitung hat schon begonnen. Ende 2002 dürfte mehr als die Hälfte des neuen Leipziger Platzes im Bau sein.

Die Geschichte des Platzes ist mehr als 250 Jahre alt. Die Planer der barocken Stadterweiterung liebten große Stadtrandplätze. Im Norden bauten sie das "Quaree" am Brandenburger Tor, den heutigen Pariser Platz. Im Süden das "Rondell", den Mehringplatz. Dazwischen ließen sie Platz für das "Oktogon", das später in Gedenken an die Völkerschlacht in Leipziger Platz umbenannt wurde. Er diente zunächst als Zollabfertigung, als Warenumschlags-, Appell-und Exerzierplatz. Später zogen Beamte, Offiziere, Bankiers, Kaufleute und Fabrikanten an den Platz. Mit dem Abriss der Stadtmauer und dem Bau des Potsdamer Bahnhofs entstanden Büro- und Verwaltungsgebäude, auch Hotels. Das von Alfred Messel erbaute Kaufhaus Wertheim an der Leipziger Straße wurde 1904 durch den berühmten Kopfbau zum Leipziger Platz erweitert und galt zu seiner Zeit als Sensation.

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zählte das Achteck zu den geschäftigsten Plätzen Europas. Im Februar 1945 vernichteten über 900 Flugzeuge bei einem Großangriff den Potsdamer- und Leipziger Platz fast vollständig. Mit dem Bau der Mauer wurde das Areal zum Niemandsland. Schon 1989, kurz nach deren Fall, begannen die Planungen für eine Neugestaltung.

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