Air Berlin : Hunderte Berliner Mitarbeiter bangen um ihre Jobs

Air Berlin will wohl hunderte Jobs streichen. Vor der Berliner Firmenzentrale sind die Mitarbeiter ratlos. Ein Ortsbesuch

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Eine Air-Berlin-Maschine: Die Fluggesellschaft könnte sich bald von der Hälfte ihrer Jets trennen
Eine Air-Berlin-Maschine: Die Fluggesellschaft könnte sich bald von der Hälfte ihrer Jets trennenFoto: dpa

Das Besteck liegt vor ihnen, das Essen nicht. Vier Männer sitzen vor dem Adria-Grill. Sie tragen Hemden am Körper und Sorge im Gesicht. Die Ärmel hochgeschoben sehen sie die Hecke, die Holztische und Straße trennt, dahinter das rote Backsteingebäude – Firmensitz von Air Berlin in der Nähe des Flughafens Tegel. Etwa 1500 Angestellte arbeiten hier. Jeder Zweite könnte womöglich bald seinen Job verlieren, heißt es neuerdings. Ein Mann drückt seine Unterarme auf den Tisch: „Kein Kommentar.“

Die Hälfte seiner Gäste würden in dem Backsteinbau arbeiten, sagt der Wirt. Doch an diesem Montagmittag seien weniger gekommen als sonst. Er sagt: „Es ist ruhiger.“ Ob das an den Nachrichten liege, beurteilt er nicht. In den vergangenen Jahren habe er viele kommen und gehen gesehen – Gäste und Gerüchte.

Von den Plänen wissen die Mitarbeiter aus der Zeitung

Im Niemandsland zwischen S-Bahn-Ring und Flughafen Tegel reihen sich neben dem Restaurant die KfZ-Werkstätten auf. In den Garagen ist es so still, dass jede Kastanie zu hören ist, die von den Bäumen auf den Gehweg fällt. Die Air-Berlin-Mitarbeiter reden wenig und wenn, dann sagen sie Sätze wie „Ich sage dazu nichts“, wahlweise auch „Ich kann dazu nichts sagen“. Und: „Sie müssen das verstehen.“ Ein Mann hastet vorbei, dreht sich um und sagt: „Alles was ich weiß, weiß ich aus der Zeitung.“ Von den Plänen ihrer Firma haben viele der Mitarbeiter am Morgen in der SZ gelesen. Geredet habe mit ihnen niemand.

Dann bleiben zwei Frauen stehen. In ihren Händen halten sie ihr Mittagessen. Eine sagt: „Wir haben alle große Fragezeichen auf dem Kopf.“ Ob es Mitarbeitergespräche geben werde, wisse sie bisher nicht. Sie sagt: „Mal sehen, was die nächsten Tage bringen.“ Es klingt so, als würden die nächsten Tag wenig Gutes bringen. Aber das kennen sie hier schon. „Seit Jahren arbeite ich hier, seit Jahren höre ich diese Gerüchte“, sagt eine der Frauen. „Das härtet ab.“

BER sollte Drehkreuz für Air Berlin werden

Kaum ein Mitarbeiter wird erinnern können, wann die Krise der Fluggesellschaft begann. Als Etihad-Airways vor fünf Jahren fast ein Drittel der Air-Berlin-Anteile erwarb, kostete eine Aktie 2,50 Euro. Am Montag waren es noch 70 Cent. Dazwischen liegen mehrere Verschiebungen des Starts am BER – er sollte das Drehkreuz für Air Berlin werden.

Während der Wert des Unternehmens sank und sank, sparte Air Berlin mehr und mehr Geld ein. Im September 2014 stornierte die Fluggesellschaft eine Bestellung von 33 Boeing-Jets, im Februar strich sie ihrem Gründer Joachim Hunold eine Mercedes S-Klasse und deren Chauffeur. Seit vergangener Woche müssen Fluggäste zahlen, wenn sie in der Kabine einer Air-Berlin-Maschine ein Sandwich oder Schokolade essen oder einen Softdrink trinken wollen.

Aus ihren Büros können die Mitarbeiter den Saatwinkler Damm sehen und den Expressbus TXL, der Passagiere zum Flughafen Tegel hinaufschiebt. Dort könnten künftig weniger und weniger Air-Berlin-Maschinen starten. Denn das Unternehmen verhandelt mit Lufthansa und Tui, um Jets zu verkaufen oder zu vermieten. Sollte dies gelingen, könnte die Air-Berlin-Flotte bald halbiert werden.

Gewerkschaft fordert Informationen von Geschäftsführung

Details sind bisher kaum bekannt. „Wir erwarten von der Geschäftsführung, dass sie ihre Pläne zeitnah offenlegt“, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Enrico Rümke. Den Mitarbeitern könne er momentan nur wenig sagen. Wie sie erfuhr auch er von den Plänen aus den Medien. Rümke sagt: „Wir wissen nicht: Betrifft es 50 oder 500 Personen.“

In den vergangenen Jahren war am Saatwinkler Damm die Zukunft stets unklar, doch selten war sie unklarer als an diesem klaren Montagmittag. Vor dem Adria-Grill scheinen Wirt und Gäste etwas gemein zu haben: Wer künftig hier essen wird, weiß keiner.

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