Berlin : Akrobat im Amüsiergeschäft

20 Jahre Wintergarten: Gar nicht so leicht, so einen Laden erfolgreich zu führen Chef Georg Strecker will nicht jammern, aber über eines ärgert er sich richtig.

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Das Licht ist schon an. Und heute Abend wird an der Potsdamer Straße auch gefeiert. Georg Strecker öffnet ab 18.30 Uhr die Pforten. Foto: Thilo Rückeis
Das Licht ist schon an. Und heute Abend wird an der Potsdamer Straße auch gefeiert. Georg Strecker öffnet ab 18.30 Uhr die...

„Berlin, nun freue dich ... Es gibt wieder einen Wintergarten“ – so wurde die Neugründung des Wintergarten-Varietés vor 20 Jahren im Tagesspiegel bejubelt. Harald Juhnke kam zur Premiere. Und André Heller, der Bühnenvisionär, versprach, den legendären Sternenhimmel des untergegangenen Amüsiertempels am Bahnhof Friedrichstraße wieder zum Leuchten zu bringen. Lange her.

Und jetzt? Leuchten die Sterne wieder? Im Theatersaal des neuen Wintergartens an der Potsdamer Straße – viel kleiner als das historische Vorbild – werden die Tische für eine Firmenveranstaltung eingedeckt. Das Theaterambiente samt Sternenhimmel und historischen Kostümen wird so vermarktet, schließlich bringt so etwas ein wenig Geld in die klamme Kasse. Die Mühen des Alltags.

Geschäftsführer Georg Strecker will nicht über Zahlen reden, nicht über Subventionen, die er nicht bekommt, nicht über die Vergangenheit, die Insolvenz 2009 und das Trotzdem-Weitermachen mit neuem Gesellschafter, nicht über die Erblast Peter Schwenkow, der 1992 mitgründete und 2007 ausstieg. Nur so viel: „Schwer“ sei es, das Amüsiergeschäft. Viele Leute würden ja denken, man scheffele Millionen, „bei den Preisen“. Das erste Halbjahr sei schlecht gelaufen, inzwischen sehe es wieder besser aus. Wenn im Durchschnitt die Hälfte der rund 500 Plätze verkauft werden, lasse sich der Betrieb finanzieren. Gerade so.

Aber jetzt Schluss damit, Varieté soll ja die Sorgen zerstreuen. Die laufende Show verweist auf Institutionen mit einem noch härteren Schicksal. „Flughafen Berlin“, steht auf einem Schild. Herumgedreht ist „2028“ zu lesen. Ein garantierter Lacher. Spaß und Desaster liegen eng beieinander. Ist schließlich alles „Made in Berlin“, so heißt die Show.

Eigentlich eine Wiederaufnahme von 2010, der guten Resonanz wegen. „Made in Berlin“ zitiert episodenhaft Berliner Klischeefiguren, vom trotteligen Vopo (mit Kurt-Krömer-Gesicht) bis zum exzessiven Partyluden. Frivoler Slapstick füllt die Pausen zwischen den Akrobatiknummern. Das wirkt wie ein heiteres Durcheinander, analog zum wilden, ungezähmten Berlin.

Marlene Dietrich, Liza Minelli, David Bowie und Peter Fox – auch musikalisch ist alles irgendwie Berlin. Was fehlt, ist der Conferencier, der die Nummern zusammenhält. „Der Pabst macht das halt ohne“, sagt Strecker unbekümmert. Markus Pabst ist der Regisseur der Show. Seine Weltklasse-Akrobaten müssen eben auch die Lücken zwischen ihren Auftritten füllen. David Pereira, der Schlangenmensch aus Spanien, becirct einen Einkaufswagen, als habe er sich unsterblich in dieses sperrige Gitter verliebt. Mikael Bres und Diogo Dolabella aus Belgien überlisten die Schwerkraft an zwei senkrechten Masten. Und der Äthiopier Girma Tsehai hat eine Apparatur erfunden, die als zuverlässiger Jongleurpartner taugt.

So muss es sein, sagt Strecker. Mit bewährten Zirkusnummern darf er seinen Gästen nicht kommen. Oldies funktionieren gut, deshalb wird die Show „Forever Young“ im nächsten Jahr wiederaufgenommen. 50 Rockklassiker, live gespielt. Showideen bespricht der Geschäftsführer, der zugleich Intendant und künstlerische Leiter ist, mit seinen festen Mitarbeitern. Vielleicht lässt sich demnächst was aus dem Jazz- und Swingtrend machen. Strecker hat keine Idee vom Varieté der Zukunft. „Wir machen immer nur Varieté für heute.“ Das bedeutet, Strömungen aufnehmen, die Akrobatenszene „scannen“, es gebe keinen Königsweg zum Erfolg.

Musik ist immer wichtiger geworden. Das Requiem von Mozart, verbunden mit Artistik, da habe man schon viel ausprobiert. Meret Becker als singende Conferencière war ein großer Erfolg. Max Raabe, der lange im Wintergarten auftrat, denkt inzwischen in Dimensionen, die sich das Haus nicht mehr leisten kann. Vielleicht tritt Strecker auch mal selber auf. Englisch und Sport waren seine Fächer im Lehramtsstudium, nach dessen Abschluss er ins Tourneegeschäft wechselte. „Am Trapez ein paar Dinge“ wären schon noch drin.

Aber jetzt muss erst mal der Kampf gegen die Gema gewonnen werden. Die Tarifreform der Verwertungsgesellschaft für Musikrechte treibt Strecker die Zornesröte ins Gesicht. „Wenn das durchkommt, ist die Kultur platt“, inklusive Wintergarten. Die Gema würde ihren Gebühren eine Auslastung von 100 Prozent bei maximalen Ticketpreisen zugrunde legen. „Das ist obszön und skandalös.“ Wie die Clubbetreiber der Stadt würden auch die Theaterhäuser wie Chamäleon, Admiralspalast und Bar jeder Vernunft eine gemeinsame Abwehrphalanx bilden.

Er wolle sich nicht beklagen, lässt Strecker immer mal wieder einfließen, Jammern passt nicht zu Krisenzeiten, dann schon eher das Varieté. Der alte Wintergarten hatte auch schwere Jahre zu meistern und überdauerte doch fast 50 Jahre, bis die Bomben 1944 den Glühbirnen-Sternenhimmel ausbliesen.

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