Aktion Ehrensache : Das neue Ehrenamt: Spontaner Einsatz statt Vereinsmeierei

Bürgerschaftliches Engagement nimmt deutlich zu In Berlin gibt es trotzdem noch viel Potential.

Ferda Ataman

Ehrenämter können mitunter skurril klingen. Einige Berliner kümmern sich im Förderverein „Alte Berliner Garnisonfriedhöfe“ um die Ruhestätte des preußischen Generalfeldmarschalls. Andere engagieren sich in der „Selbsthilfegruppe für Angehörige von Kaufsüchtigen“. Und der Berliner „Großelterndienst“ lockt seit vielen Jahren Leihomas und Wunschopas mit dem Motto „Enkel dich fit!“. Bürgerschaftliches Engagement ist wirklich ein weites Feld. Und es entspricht dem Zeitgeist: Begriffe wie „gemeinwohlorientiert“ oder „bürgerschaftlich“ stehen in der Öffentlichkeit hoch im Kurs. Aktuelle Studien besagen, dass jeder Dritte in Deutschland unentgeltlich tätig ist. Berlin steht im Vergleich allerdings noch nicht so gut da: Hier ist nur jeder Vierte ehrenamtlich tätig.

Doch es gibt viel ungenutztes Potential: Ein Drittel der untätigen Berliner kann sich vorstellen, freiwillige Aufgaben zu übernehmen. Der Engagement-Atlas 2009 der Management Holding Generali belegt zudem, dass die Bereitschaft für freiwilliges Engagement weiter steigt. Oswald Menninger vom Paritätischen Wohlfahrtsverband kann das bestätigen. Nach eigenen Erhebungen waren 2008 in den rund 630 Mitgliedsorganisationen des Verbands knapp 40 000 Ehrenamtler in Berlin aktiv – mehr als doppelt so viele wie vor fünf Jahren. „Wir gehen davon aus, dass es mehr sind“, sagt Geschäftsführer Menninger. Es sei schwierig, alle statistisch zu erfassen.

Die Erklärungen für den Anstieg der Freiwilligen sind vielfältig: „Der Begriff des Ehrenamts wird inzwischen weiter gefasst“, sagt Sebastian Braun, der Leiter des Forschungszentrums für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität. „Wenn man heutzutage Nachbarskinder zusammen mit den eigenen aus dem Kindergarten holt, kann das schon als bürgerschaftliches Engagement gewertet werden.“

Eine andere gewichtige Erklärung sei, dass sich der Staat von öffentlichen Aufgaben verabschiedet. „Bereiche wie Bildung, Altenpflege und Hospiz sind heute auf Engagement angewiesen“, so Braun. Bei der Integration von Einwanderern verhalte es sich ähnlich: Im Nationalen Integrationsplan etwa wurden rund 400 Selbstverpflichtungen von Migrantenverbänden festgehalten, die versprochen haben, Sprachkurse oder Elternberatungen anzubieten. Für viele Menschen sei darüber hinaus auch Arbeitslosigkeit ein Antrieb, ehrenamtlich tätig zu werden.

Das Ehrenamt hat sich gewandelt: Von Vereinsposten, die über Generationen vererbt wurden, zu unverbindlichen und flexiblen Aufgaben. Diesen neuen Charakter des Engagements beschreiben Freiwilligenagenturen am besten, die laut Braun wie „Pilze aus dem Boden schießen“. Sie vermitteln kurzfristige Ehrenämter und das gute Gefühl, etwas zu tun, wann immer man gerade Lust dazu verspürt.

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