Aktion Ehrensache : Eine starke Gemeinschaft

Sie wollten sich nicht an den Rand drängen lassen. Sie setzten sich durch bei Behörden und schafften an, was das Leben erleichtert. Drei schwerbehinderte Frauen gründeten eine Initiative, die anderen Menschen mit Handicap hilft. Und sie arbeiten selbst aktiv mit.

Patricia Hecht
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Stephan, Ursula Marquardt und Regina Reichert (v. l.). Foto: Thilo Rückeis

Die Elektrorollstühle summen leise, als die drei Damen ins geräumige Zimmer fahren. Hier, im Berliner Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen (BZSL) in Prenzlauer Berg, haben Ursula Marquardt, Regina Reichert und Petra Stephan ihre Umgebung ideal eingerichtet. Die Türen öffnen sich automatisch, die Möbel haben Rollen, so dass sie von Assistenten schnell verschoben werden können. Draußen in der Stadt, sagt Petra Stephan, falle ihr die Behinderung eher auf: Bordsteinkanten oder Theken sind zu hoch, Aufzüge zur S-Bahn funktionieren manchmal nicht, im Kino gibt es oft nur einen Platz für Rollstuhlfahrer – und der ist auch noch am äußersten Rand.

Petra Stephan und ihre beiden Kolleginnen arbeiten daran, Behinderten das Leben zu erleichtern. Rund drei Stunden täglich engagieren sich die drei ehrenamtlich in dem von ihnen gegründeten Verein. Mittlerweile Mitte 50, sitzen alle seit ihrer Geburt oder seit der frühen Kindheit wegen Muskel- und Gelenkerkrankungen im Rollstuhl. Auch Arme und Hände können sie nicht in vollem Umfang benutzen.

Noch in der DDR haben sie Freundschaft geschlossen. Man kannte sich eben, sagen sie – so als Behinderte, die auf medizinische Kongresse fuhren und am Leben in der Gemeinschaft teilhaben wollten. Die Gemeinschaft allerdings interpretierte dieses Bedürfnis anders als sie: „Wir konnten keinen Verein gründen, der Menschen hilft“, sagt Petra Stephan. „Ihnen wird geholfen“, habe es geheißen.

Sie hatten eigene Vorstellungen davon, wie sie bessere Bedingungen für sich und andere Behinderte schaffen wollten. Bei einem Besuch im Westen las Petra Stephan von einem Zentrum für selbstbestimmtes Leben in Stockholm. 1989 war die Gelegenheit gekommen. „Als die Mauer fiel, habe ich gedacht, das ist der Moment“, sagt sie. Sie trommelte die anderen zusammen, im März 1990 gründeten die drei das BZSL.

„Uns selbst zu helfen war der erste Schritt, anderen zu helfen“, sagt Petra Stephan heute. Sie kämpften sich durch neue Gesetze, setzten sich mit den Behörden auseinander und „brachten sich technisch auf Vordermann“, wie sie sagen. Badewannenlifts wurden angeschafft, Autos angepasst. Schnell fielen die ersten Beratungen für Externe an, 400 sind es mittlerweile jährlich.

„Wir beraten jeden“, sagt Ursula Marquardt – ob Menschen nach einem Unfall oder Behinderte, die aus dem Heim in eine eigene Wohnung ziehen möchten. Es gibt finanzielle und psychologische Beratung, Kurse für Krankenpfleger und Bewerbungstraining für behinderte Jugendliche. Auch Hausbesuche machen die drei bei Menschen, die schwerer behindert sind als sie selbst – obwohl die Krankheiten auch bei ihnen fortschreiten. Ursula Marquardt kann nicht mehr allein essen und trinken und außerhalb der ehrenamtlichen Tätigkeit nicht mehr arbeiten. Regina Reichert arbeitet noch in der telefonischen Beratung bei einer bundesweiten Hotline für Behinderte, Petra Stephan ist Psychologin in der Charité.

Neben Ehrenamtlichen wie Stephan, Marquardt und Reichert arbeiten im BZSL mittlerweile auch sieben Festangestellte mit Behinderung. „Für Behinderte gibt es oft wenig Möglichkeiten, einen festen Job zu bekommen“, sagt Petra Stephan. Im BZSL konnten dank öffentlicher Förderung bislang immer wieder Stellen finanziert werden – für Menschen, die die Bedürfnisse ihrer Klienten kennen. Im 20. Jahr seines Bestehens ist das BZSL eine der gefragtesten Anlaufstellen für Behinderte in der Stadt. Auch Nicht-Behinderte kommen auf den Verein zu, um vom Know-how seiner Macherinnen zu lernen. Als etwa das Sony Center gebaut wurde, wurden die Gründerinnen eingeladen, dort baulich zu beraten.

Die Behinderung, sagen sie, sei Teil ihres Lebens, „aber wir definieren uns nicht über den Rollstuhl“. Sie reisen gern, auch wenn gerade das nicht immer einfach ist, und sie genießen die Kulturangebote in Berlin. Neulich waren sie zusammen bei Leonard Cohen. „In der O2-Arena sind wir gerne“, sagt Regina Reichert. Rollstuhlfahrer sind dort nicht auf die billigen Plätze verbannt, sondern stehen bei den Konzerten auf einer Galerie. Dort sitzen sie ganz selbstverständlich in der ersten Reihe – und keinesfalls am Rand.

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