Aktion Ehrensache : Frieden statt Fronten

Wenn es Krach gibt im Kiez, kann eine Mediation schlichten helfen. Christa Schäfer hat eigens dafür einen Verein gegründet.

Patricia Hecht
Schaefer
Die goldene Mitte. Wenn zwei sich streiten, bringt Christa Schäfer sie an einen Tisch. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mit Menschen, die schimpfen, schreien oder sich schlagen, hat Christa Schäfer fast jede Woche zu tun. Meistens geht es um Lärm, oft gibt es Streit in der Schule. Häufig kommen auch Paare zu ihr, die Hilfe suchen. Die 47-Jährige arbeitet als ehrenamtliche Mediatorin daran, Konflikte zu lösen. Sie ist also eine Art Vermittlerin. „Menschen, die sich streiten, sind oft hilflos“, sagt sie. „Ich unterstütze sie, einen Weg zu finden, um aus schwierigen Situationen wieder herauszukommen.“

Christa Schäfer hat vor fünf Jahren den Verein „Mediationszentrum Berlin“ in Tiergarten gegründet, damals wohnte sie dort. „Immer wieder zogen Leute aus dem Kiez weg, weil es Konflikte in der Nachbarschaft gab“, sagt sie. „Da wollte ich Abhilfe schaffen.“ Um die Lebensqualität im Stadtteil zu verbessern, rief sie den Verein ins Leben. Heute engagieren sich neben ihr neun weitere Mediatoren im Zentrum, die in Streitfällen vermitteln – kostenfrei. Bei ihnen können sich diejenigen melden, die einen Streit nicht mehr aushalten.

Einer ihrer ersten Fälle ist Christa Schäfer besonders in Erinnerung geblieben. Ein älteres Ehepaar wohnte in einem Mehrparteienhaus im ersten, eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern im zweiten Stock. Der ältere Mann hatte das Bedürfnis nach Ruhe, das kleine Mädchen über ihm spielte. Die Auseinandersetzung um die Lautstärke des Kindes schaukelte sich so lange hoch, bis der Mann schließlich mit einem Stock gegen die Heizung hämmerte, sobald er das Mädchen hörte und das Kind sich aus Angst vor dem Donner unter dem Bett versteckte.

Menschen wie die Mutter des Mädchens, die sich bei Christa Schäfer melden, sind mit den Nerven meist völlig am Ende. „Die Bitte, mit der sie zu uns kommen, ist: Tun Sie was, damit das aufhört. Aber wir sind keine Anwälte oder die Polizei, die schnell für Ruhe sorgen können.“ Der Verein versucht, beide Streitparteien an einen Tisch zu bekommen, die Situation zu besprechen und eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden.

Die Räume des Mediationszentrums sind einladend, hell, in der Mitte stehen ein Flipchart und einige Stühle. „Konflikte können nicht bei einem der Streitenden zu Hause gelöst werden“, sagt Christa Schäfer. Im Zentrum treffen sich die Disputanten auf neutralem Boden und sitzen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber – zusammen mit zwei Mediatoren. Ganz einfache Regeln wie die, den anderen ausreden zu lassen, müssen meist zuerst geklärt werden. Wenn sich die Streithähne dann zuhören, ist schon einiges erreicht.

Christa Schäfer ist Fachfrau, was Konflikte angeht. Die ehemalige Studienrätin für Deutsch und Musik hat über Unterrichtsstörungen promoviert und parallel dazu eine Ausbildung zur Mediatorin absolviert. Heute arbeitet sie in der Lehrerweiterbildung und engagiert sich zusätzlich rund fünf Stunden wöchentlich im Verein. „Ich selbst war früher eher konfliktscheu“, sagt die Mutter von zwei Kindern und lacht. „Heute habe ich meine Streitigkeiten ganz gut im Griff.“

Faszinierend, sagt sie, finde sie Konflikte jedoch noch immer: Zwei Menschen erzählen davon – und es klingt, als würden sie von verschiedenen Situationen sprechen. Darum allerdings, eine Wahrheit herauszufinden oder zu bewerten, geht es bei der Mediation nicht. „Wie auch immer jemand etwas erlebt, aus seiner Sicht hat er recht“, sagt sie. Wichtig ist, ihm die Sichtweise und die Gefühle der anderen Seite näherzubringen. Wenn klar wird, wie sehr einer der Streitenden verletzt ist oder leidet, oder wenn sogar Tränen fließen – „das macht den Unterschied“.

Scheitern, sagt Christa Schäfer, können Mediationen eigentlich nur ganz am Anfang: Wenn einer sich weigert, überhaupt mit dem anderen zu sprechen. Sofern eine Sitzung im Zentrum erst einmal angefangen hat, schaffen Christa Schäfer und ihre Leute es meistens zu vermitteln – in bis zu 50 Fällen jährlich. „Ideal ist es, wenn wir die Menschen dazu bringen, nachzudenken und einen anderen Blick auf die Situation zu bekommen“, sagt sie. Wenn die alte Dame einen Brief an ihre Nachbarin schreibt, die türkische Familie die deutsche zum Kaffee einlädt oder Ex-Partner wieder miteinander sprechen. Im Fall des kleinen Mädchens, das sich aus Angst unter dem Bett verkroch, fand sich eine ganz einfache Lösung. Nachdem sich der Mann beruhigt hatte, gab ihm die Mutter ihre Telefonnummer, so dass er sich melden kann, wenn es zu laut wird. Ohne Hilfe von außen, sagt Christa Schäfer, seien viele Streitende nicht mehr in der Lage, allein auf naheliegende Lösungen zu kommen.

Konflikte machen etwas mit den Menschen, sagt Christa Schäfer. Sie sind verzweifelt oder außer sich, sie drohen und beleidigen sich, und sie schlagen manchmal zu. Aber Konflikte, sagt sie, sollten auch als Chance wahrgenommen werden – zu einem Aufbruch.

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